ZEIT ONLINE: Sie sind schwul und sagen dennoch, Sie verstehen, wie Omar Mateen, der in Orlando 49 Menschen umgebracht und 53 verletzt hat, tickte – warum?

Nemat Sadat: Absolut – wir haben den gleichen Hintergrund: Wir sind als Afghanen, Muslime und unterdrückte Homosexuelle in Amerika aufgewachsen. Gerade bekommt man unterschiedliche Nachrichten, ob Mateen schwul oder nicht schwul gewesen sei, aber mir scheint es, dass viele Beweise dafür sprechen. Sexuelle Unterdrückung gefüttert mit islamischem Extremismus ist ein sicheres Rezept für ein Desaster.

Die Nachricht vom Orlando-Attentat hat mich schockiert, aber ich ahnte, dass so etwas passieren musste. Schuld an diesem Fall ist ideologische Gehirnwäsche verknüpft mit Repression. Der Islam, der Schwule hasst, ist schuld. Wären meine Eltern noch konservativer und gottesfürchtiger gewesen, hätte ich das Schicksal Omar Mateens teilen können.

ZEIT ONLINE: Sie sind in den achtziger und neunziger Jahren in Amerika aufgewachsen. Wie sah die Kindheit eines unterdrückten Schwulen aus, der in der afghanischen Diaspora lebte?

Sadat: Ich bin im Großraum Los Angeles, in Orange County, aufgewachsen. Da muss man sich eine vorbildliche amerikanische Vorstadt vorstellen. Schon früh fühlte ich mich von meiner Community abgesondert. Ich war zwar ein Teil davon, ging aber in die Moschee und hörte den Imam immer wieder sagen, dass Homosexualität mit dem Tod bestraft werden sollte. Ich habe es sogar einmal von meinem Onkel gehört. Auch mein Vater war homophob: Er nannte mich kuni, eine Schwuchtel, weil ich auf afghanischen Hochzeiten und Konzerten gern tanzte. Das hat ihm nicht gefallen. Er meinte, ein Teenager, der langsam zu einem Mann wird, sollte das nicht tun.

ZEIT ONLINE: War die Lage an der Schule etwas besser?

Sadat: Ich war sehr beliebt, aber eher ein Einzelgänger und in meine eigene Welt vertieft. Die Hetero-Jungs haben mich gekitzelt. Sie verstanden mich nicht und erzählten von ihren ersten sexuellen Erfahrungen mit Mädchen, ich ekelte mich vor diesen Geschichten. Meine Fantasien waren gefüllt mit Jungs.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich damals schon für einen bestimmten Jungen interessiert?

Sadat: Nein, das war völlig ausgeschlossen. Nicht nur in meiner Community, sondern im vorstädtischen Amerika der frühen neunziger Jahre oder sogar in den Medien sah man keine Schwule. Ich hatte kein Internet und wusste einfach nicht, dass es eine Möglichkeit sein könnte. Ich wollte allen zeigen, dass ich Mädchen mochte, und zwang mich, mich in ein afghanisches Mädchen zu verlieben, was einige Jahre dauerte. Meine Homosexualität war unterdrückt. Auch im Gymnasium wusste ich immer noch nicht, dass ich Jungs hinterherlaufen konnte. Im College war ich noch mit einer Frau zusammen, die Orgasmen verlangte, auf die ich aber keine Lust hatte.

ZEIT ONLINE: Wann kam der Durchbruch?

Sadat: Während eines Ausflugs nach New York, das war 2003. Ich wurde damals von einer Freundin aus der Modebranche eingeladen, die mich zu einer Weihnachtsfeier mitnahm. Plötzlich sah ich alle Sorten von LGBT-Personen, die gebildet, gesellig und in ihrem beruflichen Leben erfolgreich waren und die eine Community hatten. Diese Erfahrung hat meine Augen geöffnet: Davon könnte ich Teil werden! Das war, als ob ich das erste Mal im Leben Licht gesehen hätte. Davor hatte ich in einer vorstädtischen, afghanischen Blase gelebt, die nun plötzlich geplatzt war. Nach meiner Rückkehr machte ich mit meiner Freundin Schluss. Ich fing an, mich mit Männern, die ich im Netz fand, zu treffen und ging in Gay-Clubs. Ich machte das alles heimlich, aber ich spürte damals schon, dass meine Eltern etwas ahnten. Mein Vater versuchte meiner Mutter einzureden, dass Homosexualität mit Kapitalismus verknüpft war und schrieb darüber sogar ein Buch, das er selbst veröffentlichte.

Im Dezember 2009 habe ich mich vor meiner Familie geoutet. Auch dann behandelten sie Homosexualität als eine Etappe in meinem Leben, die irgendwann zu Ende gehen würde. Sie versuchten mich zu einer Ehe zu zwingen. Ich floh in Weiterbildung und besuchte danach Harvard und die Columbia University.