Bagdad steht nach dem verheerenden Terroranschlag unter Schock. In die Trauer hat sich Wut gemischt. Viele werfen der Regierung vor, beim Schutz der Bevölkerung versagt zu haben. Ministerpräsident Haidar al-Abadi musste sich bei seinem Besuch in der Trümmerwüste des Karrada-Viertels in Sicherheit bringen, nachdem sein Konvoi mit Steinen beworfen worden war. "Hau ab, du Dieb", skandierte die empörte Menge.

"Ich verstehe die Gefühle der Leute", gab sich der Regierungschef anschließend kleinlaut und kündigte erstmals Konsequenzen für die Sicherheitskräfte an. Sie hatten aus bisher unverständlichen Gründen die für den Autoverkehr am frühen Abend gesperrte, brechend volle Einkaufsmeile gegen Mitternacht wieder geöffnet und den mit Sprengstoff präparierten Kühl-Lastwagen passieren lassen.

Künftig sollen Kontrollposten während der Arbeit nicht mehr auf ihren Smartphones spielen dürfen. An allen Einfallsstraßen nach Bagdad werden Großscanner aufgestellt, die die gesamte Ladung eines Fahrzeugs durchleuchten können. Die seit Jahren eingesetzten dubiosen Bombendetektoren, die aussehen wie ein Pistolengriff mit einer Transistorradio-Antenne, werden endlich aus dem Verkehr gezogen. Egal ob an Straßensperren, vor großen Hotels oder an der Einfahrt zum Parlament, überall gab es bisher die gleiche sinnlose Prozedur. Mit gewichtiger Miene und dem merkwürdigen Antennen-Gerät in der Hand schritten die Posten das Auto ab, dann durfte es passieren.  

85 Millionen Dollar und wahrscheinlich Hunderte von Leben kostete den Irak der Ankauf dieser so genannten ADE-651-Geräte, die ursprünglich für das Auffinden verlorener Golfbälle vermarktet wurden. Ihr britischer Konstrukteur James McCormick ist in seiner Heimat längst des Betrugs überführt und musste im Mai 2013 für zehn Jahre ins Gefängnis. Trotzdem wollen sich seine arabischen Kunden, zu denen auch Jemen und Ägypten gehören, nicht eingestehen, dass sie einem Schwindel aufgesessen sind.

In Ägypten tauchte die dubiose Antennenpistole vor zwei Jahren sogar mit ganz neuen Wundereigenschaften auf. Sie sollte nun angeblich auch Aids und Hepatitis C kurieren, wie ihre Weiterentwickler aus dem ägyptischen Militär deklamierten. In Bagdad dagegen platzierten am Sonntag Hacker das Foto eines verstümmelten Kindes zusammen mit dem zweifelhaften Handdetektor auf die offizielle Website des Innenministeriums.

Viele Polizisten, aber keine Sicherheit

Denn die Missstände bei den Kontrollen sind in Bagdad seit Jahren bekannt, ohne dass bisher irgendetwas geschah. Regierung, Politik, Militär und Verwaltung sind in einem geradezu industriellen Maße korrupt. Auf dem Papier besitzt der Irak rund 300.000 Soldaten und 300.000 Polizisten. Doch viele Kontrollposten in Bagdad sind in den Händen diverser bewaffneter Gruppen, die mal der Aufsicht des Innenministeriums, mal der Aufsicht diverser Parteien unterstehen oder auch als unabhängige Milizen agieren.

Alle diese Sicherheitsdienste koordinieren sich nicht untereinander und tauschen keine Informationen aus. "Wir haben jede Menge Polizisten und Soldaten, aber keine Sicherheit", schimpfte einer der Überlebenden auf der verwüsteten Karrada-Straße. Die Geschäftsleute organisierten in den vergangenen Monaten sogar eigene Bürgerwehren, weil sie genug hatten von dem staatlichen Schlendrian. Man könne an einem so belebten Ramadan-Abend nicht alles im Auge behalten, erklärten jetzt die Organisatoren. 

"Die Politiker sitzen ruhig und sicher in ihren Palästen, während wir angegriffen werden", zitierten lokale Medien eine Frau am Anschlagsort. "Wenn es nicht der IS ist, dann ist es Al-Kaida. Und wenn diese beiden es nicht sind, dann ist es die dreckige, korrupte Politik in unserem Land."