Jeremy Corbyn lässt sich nicht einschüchtern. Der Labour-Chef ist zuversichtlich, sein Amt zu behalten und nach den Parlamentswahlen 2020 britischer Premier zu werden. "In vier Jahren können noch viele Debatten gewonnen und verloren werden", sagte er diese Woche in Anspielung auf die vielen Attacken, die er in den letzten Monaten erfuhr

Gerade versuchen Teile der britischen Sozialdemokratie, ihn von seinem Posten zu verjagen. Der Wahlkampf um die Neuwahlen zum Parteivorsitz wurde diese Woche eröffnet, ein Ergebnis soll Ende September feststehen.  

Corbyn ist umstritten und steht dennoch für einen Erfolg, um den ihn andere Genossen in Europa beneiden: Inmitten der Krise der Sozialdemokratie schaffte es ausgerechnet ein Politiker aus den hintersten Reihen, die britische Sozialdemokratie wieder interessant für die breite Masse zu machen. Seit Corbyn im September 2015 durch einen Mitgliederentscheid an die Parteiführung aufrückte, hat sich die Labour-Parteibasis mit über 600.000 Mitgliedern mehr als verdoppelt. Zuletzt hatte Labour in den späten Siebzigern so viele Mitglieder. Zum Vergleich: Im bevölkerungsstärkeren Deutschland schrumpfte die Mitgliederzahl der SPD von über einer Million unter Willy Brandt auf weniger als die Hälfte im Jahr 2015 (442.814).

Wer wählen will, soll zahlen

Trotzdem wird der Abgeordnete aus Nordlondon bitter bekämpft. Seine größten Gegner kommen aus den eigenen Reihen, sie sitzen vor allem im Parlament: Im Juni sprachen sich 172 von 212 Labour-Abgeordneten in einem Misstrauensvotum gegen Corbyn aus und forderten seinen Rücktritt. Nachdem er den Rücktritt verweigerte, wurden durch die Aufstellung von Gegenkandidaten Neuwahlen angestrengt, wobei Corbyn zunächst gar nicht erst auf der Wahlliste stehen sollte. Erst das Einschreiten der Labour-Verwaltung NEC vergangene Woche garantierte ihm den Listenplatz

Bei den Wahlen dürfen erstmals nur Parteimitglieder abstimmen, die schon vor Februar bei Labour waren. Alle anderen mussten die Wahlgebühr für Nichtmitglieder zahlen, die von drei auf 25 Pfund erhöht wurde. Auch der Registrierungszeitraum wurde auf zwei Tage verkürzt. Für viele sind diese Maßnahmen ein Schachzug, um Corbyns Unterstützer von der Wahl fernzuhalten: Viele Labour-Mitglieder kamen erst wegen Corbyn zur Partei und stammen aus sozial schwachen Milieus. Für Sozialleistungsempfänger oder Minijobber ist es nicht ohne Weiteres möglich, in zwei Tagen 25 Pfund aufzutreiben.

Corbyns unkonventionelle bis verschrobene Art provoziert die Eliten: Er sträubte sich lange, ordentliche Anzüge zu tragen, besitzt kein Auto und macht seine Steuererklärung eigenhändig. Im April warf Ex-Premier David Cameron Corbyn in einer Parlamentsdebatte vor, die letzte Erklärung zu spät abgegeben zu haben: "Das ist sinnbildlich für die Labour-Politik. Sie ist zu spät, chaotisch und inakkurat." Corbyn entgegnete daraufhin: "Ich zahle mehr Steuern als die meisten Unternehmen, deren Manager Cameron ziemlich gut kennen dürfte."

Wegen solcher Aussagen gilt Corbyn als Mann der einfachen Leute. Seit Jahrzehnten begleitet er politische Straßenproteste und unterstützt Graswurzelorganisationen. Das Motto seiner Kampagne lautet: "Die Stimme des Volkes". Viele nehmen es ihm allerdings übel, ebenjenes Volk nur halbherzig gegen den Brexit mobilisiert zu haben. Corbyn kommt aus dem linken EU-skeptischen Lager und bemängelt schon seit Jahren fehlende demokratische Strukturen und die europäische Austeritätspolitik. Sein Parteikollege Phil Wilson beschuldigte Corbyn sogar in einem Gastbeitrag im Guardian, die Remain-Kampagne gezielt sabotiert zu haben.

Medien greifen Corbyn mit fragwürdigen Mitteln an

Doch die Kritik an Corbyn geht tiefer. Schon seit Beginn seiner Amtszeit im Herbst 2015 wurde er von allen Seiten diskreditiert – mit teils eigenwilligen Argumenten: Nach seinem ersten öffentlichen Auftritt als Parteichef dominierten Medienberichte über seinen schlechten Kleiderstil und seinen Vegetarismus. Wegen kritischer Äußerungen zum Irak-Einsatz wird dem langjährigen Pazifisten immer wieder von allen Seiten Nähe zu Terroristen unterstellt. Auch für Antisemitismus in seiner Partei wird er mitverantwortlich gemacht, weil er eine propalästinensische Haltung hat.

Der staatliche Sender BBC beschrieb Corbyn in einem Porträt als "eine Karikatur des archetypischen, bärtigen Linken", als ein Schlag Politiker, die längst "in die Mülltonnen der Geschichte gehörten". Mit solchen Äußerungen ist die BBC nicht allein: Eine Studie der London School of Economics and Political Science kritisiert, dass die britischen Medien in der Corbyn-Berichterstattung vom kritischen Beobachter zum Angreifer wurden. In Corbyns ersten Monat als Labour-Chef waren 57 Prozent der Berichte über ihn feindselig bis negativ und weniger als zehn Prozent positiv. Bedenklich waren insbesondere die Mittel der Diskreditierung: Knapp ein Drittel machten sich über ihn lustig, etwa mit albernen Spitznamen wie "Mr. Corbean" (in Anlehnung an die Witzfigur Mr. Bean).

Unterstützer wollen gar nicht, dass Corbyn regiert

Folglich ist der größte Vorwurf gegen Corbyn auch kein inhaltlicher – lieber ist pauschal von "Unwählbarkeit" die Rede. "Es ist offensichtlich, dass Labour unter ihm keine Wahl gewinnen wird", heißt es auf der Homepage von SavingLabour, einer parteiinternen Organisation, die einen Anti-Corbyn-Wahlkampf macht. Im Vergleich zur aktuellen Premierministerin Theresa May gilt Corbyn laut Umfragen als langweilig, weniger kompetent und als jemand, dem es an Führungsqualitäten mangelt. Dafür wird er  überwiegend als ehrlich und jemand gesehen, der "normale Menschen" versteht. 

Die "Unwählbarkeit" scheint sowieso kein großes Problem für seine Unterstützer zu sein: In einer Umfrage unter Gewerkschaftsmitgliedern glaubten nur 23 Prozent der Befragten, dass Labour unter Corbyn die nächsten Wahlen gewinnen könnte. Trotzdem gaben zwischen 30 bis 40 Prozent an, ihn in den Wahlen zum Parteichef zu unterstützen. Oder, wie ein Moderator in der Londoner Radiosendung Novara.FM sagte: "Es geht nicht darum, Wahlen zu gewinnen, sondern darum, eine progressive Kraft in der britischen Politik aufzubauen."

Corbyn gibt Wählern das Gefühl, eine Stimme zu haben

"Ich hab mein Leben lang gearbeitet, war lange Zeit alleinerziehend", erklärt zum Beispiel Labour-Mitglied Debbie Lewis, "deswegen sind für mich Themen wie Sozialleistungen und Lohnfragen sehr wichtig. Und ich habe das Gefühl, dass Jeremy Corbyn das versteht. Er versteht, was es bedeutet, wenn die Regierung die Sozialleistungen um 30 Pfund pro Woche kürzt."

Von Corbyn inspiriert ist die 47-jährige Angestellte der Partei beigetreten, der sie bisher eher skeptisch gegenüberstand: "Früher bin ich manchmal für Proteste nach London gefahren, aber danach hat sich nie wirklich etwas bewegt. Heute habe ich das Gefühl, dass meine Stimme zählt." 

Auch der 21-jährige Chames Eddine Zaïmeche ist wegen Corbyn zu Labour gekommen – auch weil er hofft, dass die Partei sich unter ihm von ihrem wirtschaftsliberalen Kurs der vergangenen Jahre verabschiedet. Zaïmeche ist aber auch einer von vielen Corbyn-Unterstützern, die sich gegen den Vorwurf des Personenkultes wehren – sie warnen selber davor: Corbyn ist 67 Jahre alt und in vielerlei Hinsicht ein Sozialist der alten Schule, und die Zukunft sozialdemokratischer Politik muss über eine Einzelperson hinausgehen.

Gerade junge Menschen machen sich Gedanken darüber, wie es nach ihm weitergehen könnte. Sie sehen die Zukunft in der politischen Mobilisierung, auf der Corbyns Erfolg beruht. In Interviews, Podcasts und sozialen Medien berichten Corbyn-Anhänger begeistert von Treffen auf lokaler Ebene, in denen Menschen verschiedenen Alters zusammenkommen und über die konkreten Folgen britischer Politik wie Kürzung vieler Sozialleistungen sprechen.

Funktionäre und Abgeordnete gegen die Basis

"Labour hat in der Vergangenheit Politik gemacht, die einfach eine abgeschwächte Version der Konservativen darstellte, und sich nie wirklich mit den Leuten beschäftigt, die von dieser Politik betroffen sind", urteilt Zaïmeche. Er glaubt, dass der Enthusiasmus, den Corbyn in Teilen der Anhängerschaft freigelegt hat, Labour verändert - hin zu einer Partei, die ihre Wähler an Entscheidungsprozessen beteiligt.  

Letztlich geht es in Labours innerparteilichem Kampf  um zwei verschiedene Verständnisse von Politik: Funktionäre und Abgeordnete werfen Corbyn vor, er müsste sich an sie und das politische System anpassen. Corbyns Unterstützer werfen den Parlamentariern vor, die Stimmen ihrer Mitglieder zu untergraben und zu ignorieren. 

Unabhängig davon, ob Corbyn diesen Richtungsstreit nun überlebt oder nicht: Seine unerwartete Beliebtheit und Unbeirrbarkeit haben die Labour-Partei bereits wesentlich weiter nach links gerückt und neue Maßstäbe für sozialdemokratische Debatten gesetzt. Das zeigt nicht zuletzt sein einziger verbliebener Kontrahent Owen Smith: Er wird nicht müde zu betonen, "genauso radikal" zu sein wie Jeremy Corbyn. Seinen Chancen scheint das nicht zu helfen. Auf die Frage, ob Smith eine Alternative zu Corbyn sein könnte, meint Debbie Lewis nur: "Er kam aus dem Nichts! Ich habe keine Ahnung, wer er ist."