Die Ereignisse von Freitagnacht versetzten die Türkei in Schockstarre: gesperrte Flughäfen, Schüsse, Explosionen und mehr als 230 Tote. Teile des Militärs vollführten einen Putschversuch, wie es sich im vergangenen halben Jahrhundert als eine Art sporadische Tradition in der Türkischen Republik etabliert hat.

Unter der kurdischen Bevölkerung, die weite Teile des Südens und Ostens besiedelt, haben die Coups der Jahre 1960, 1971 und 1980 tiefe Wunden im kollektiven Bewusstsein hinterlassen. Überraschend unaufgeregt scheinen nun die Menschen in der inoffiziellen Kurdenhauptstadt Diyarbakır im Südosten der Türkei. "Wir versuchen, Brot zu kaufen, falls es wieder Ausgangssperren gibt", sagt Hatice, eine Kurdin Mitte dreißig, die mit ihren Geschwistern und Eltern in einem Viertel der Mittelschicht etwas außerhalb des Stadtzentrums lebt. "Mein Bruder versucht seit Stunden, unser Geld vom Bankautomaten abzuheben, aber es kommt fast nichts mehr raus." Auf die Frage, wie es ihr geht, wusste sie in der Putschnacht keine Antwort. Während sich die militärische und mediale Aufmerksamkeit vor allem auf Istanbul und Ankara konzentrierte, war die Stimmung in Diyarbakır von Erinnerungen bestimmt. "Hauptsache, es wird nicht so grauenvoll wie in den 1980ern", sagt Hatices ältere Schwester.

In Diyarbakır im Südosten der Türkei decken sich die Menschen mit Brot ein. © Ilyas Akengin/​AFP/​Getty Images

Die Annahme, ein erneuter Putsch versetze die Kurden nicht in Schrecken, wäre falsch. Doch sind sie mehr an die Angst und vor allem Unsicherheit gewöhnt als ihre türkischen Mitbürger im Westen des Landes. Meistens waren sie die Leidtragenden der regelmäßigen Putsche der vergangenen Jahrzehnte.

Seit der Republikgründung wird der ethnisch-politische Konflikt nicht pauschal zwischen Kurden und Türken ausgetragen, sondern in erster Linie zwischen der kemalistisch eingestellten Armee, der kurdischen Zivilbevölkerung und den bewaffneten Guerillaeinheiten der kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Die wurde kurz nach dem letzten klassischen Putsch in den 1980er Jahren aktiv und setzt sich nach eigenem Verständnis gegen die kulturelle, politische und ökonomische Unterdrückung der Kurden durch den türkischen Staat ein. Im Bürgerkrieg zwischen Armee und der kurdischen Bevölkerung starben mehr als 40.000 Menschen, Dörfer wurden niedergebrannt, Tausende verhaftet und gefoltert.

Nach den blutigen 1990er Jahren leitete der damalige Premierminister und heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan eine Ära der Entspannung ein, lockerte die repressive Sprach- und Kulturpolitik und ließ die wirtschaftlich völlig ausgehöhlten kurdischen Gebiete des Landes am ökonomischen Aufschwung des Landes teilhaben. Seine Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) profitierte von den Wählerstimmen aus ökonomisch und religiös-traditionell orientierten Kreisen. Unter heftiger Kritik aus der großen Oppositionsparteien, der links-nationalistischen CHP und der ultra-nationalistischen MHP, leitete Erdoğan den sogenannten Lösungsprozess zwischen der PKK und dem Staat ein, der offiziell auch zu einer langfristigen Demilitarisierung führen sollte.

"Der Mörder heißt Tayyip"

Doch spätestens seit drei Jahren bröckelt das Vertrauen der Kurden in Erdoğan. Manche fühlen sich betrogen von seiner autokratischen Linie, andere hatten nichts Gegenteiliges erwartet. Im Juni 2015 flackerte unter den Kurden Hoffnung auf mehr Partizipation im politischen Geschehen auf, als die prokurdische Partei HDP den Einzug ins Parlament schaffte. Doch stattdessen ist der altbekannte, inoffizielle Krieg von den Bergen in die Städte gekrochen. Bewaffnete Jugendliche und Polizisten liefern sich Straßenkämpfe, ganze Städte wie Şırnak an der Grenze zum Irak unterlagen einer wochenlangen Ausgangssperre und anschließenden Evakuierung. Zusätzlich leidet das gesamte Land unter Terroranschlägen nach IS-Façon und den Angriffen fundamentalistischer kurdischer Splittergruppierungen. Der Friedensprozess ist eingefroren. Erdoğan bezeichnet kurdische Demonstranten als Terroristen und Separatisten, viele Kurden skandierten nach einem Anschlag auf eine HDP-Demo, der wohl auf das Konto der Terrorgruppe "Islamischer Staat" geht: "Der Mörder heißt Tayyip."

Als Erdoğan in der Nacht des Putsches seine Anhänger über die sozialen Netzwerke aufforderte, gegen das Militär auf die Straße zu gehen, hielt der Co-Vorsitzende Selahattin Demirtaş seine Gefolgschaft an, auf gar keinen Fall zu demonstrieren, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Und jetzt? Dankt Erdoğan Gott und den Kurden, beugt sich nach eigener Angabe dem Volkswillen und belebt den Diskurs um die Todesstrafe und feiert die Standhaftigkeit seiner selbst gezüchteten Demokratie.

Ein Militärputsch wäre fatal gewesen

Doch große Teile der kurdischen Stimmen bleiben emotionslos bis bang. "Erdoğan hat allen Oppositionsparteien gedankt, die sich einheitlich gegen den Putsch gestellt haben", sagt Vahap Coşkun, der an der Dicle Universität in Diyarbakır Rechtswissenschaften lehrt und dem Rat der Weisen zugehört, einer von Erdoğan eingesetzten Versammlung aus Journalisten, Intellektuellen, Künstlern, Akademikern und Vertretern von Wirtschaftsvereinigungen und Zivilorganisationen, die im Friedensprozess zwischen Staat und Zivilbevölkerung kommunizieren sollen.

"Das Leben geht hier weiter, auch nach diesen vier Tagen", sagt Coşkun. Er lässt sich nicht auf die Spekulation ein, bei dem Putschversuch könnte es sich um eine von Erdoğan inszenierte Farce handeln. Ihn interessieren die Konsequenzen. "Ein Militärputsch wäre aus verschiedenen Gesichtspunkten fatal für das Land gewesen, aus politischen, ökonomischen und vielen anderen Gründen." Doch erleichtert wirkt er nicht. "Mit Sicherheit hat die AKP um Erdoğan nun die Möglichkeit, diesen Vorfall nach ihrem Ermessen zu gestalten." Alles sei nun abhängig von der Demokratie des Landes. Das kann vieles bedeuten.