Hinter den Bergen liegt der Krieg, manchmal hört man ihn. Und auch auf dieser Seite, in der libanesischen Bekaa-Ebene, hat er das Leben verändert. Das kann man knapp zehn Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt sogar riechen. Wie an vielen Orten im Libanon gärt es in der Gemeinde Bar Elias. Technisch ist das Problem schnell erklärt: Der Müll, den sie hier unbehandelt und unsortiert auf die Deponie schieben, türmt sich ohne Dränage in den Himmel, das Wasser fließt nicht so ab, wie es müsste. Gesund kann es nicht sein, wenn direkt nebenan das Gemüse auf dem Feld steht und ganz in der Nähe ein kleiner Fluss rinnt. Den Menschen hier stinkt es langsam, und dabei denken sie nicht nur an den Abfall.

Bar Elias im Libanon

Bar Elias, das war mal eine kleine Stadt, die rund 40.000 Einwohner zählte. Bevor in Syrien der Krieg ausbrach. Inzwischen, schätzt Bürgermeister Mawas Aragi, leben hier mindestens 100.000 Menschen mehr. Genau kann auch er nicht beziffern, wie viele Syrer über die nahen Berge hierher geflohen sind. Auf der anderen Seite liegt etwa das von Soldaten des Assad-Regimes und ihren Hisbollah-Helfern aus dem Libanon eingekesselte Madaja. Aber die Fliehenden kommen inzwischen aus ganz Syrien. Weil sie sich im Libanon, eher als etwa in der Türkei, verständigen und zurechtfinden können. Manche haben auch Freunde und Verwandte hier; die Kontakte zwischen beiden Ländern waren immer vielfältig. "Bevor der Konflikt ausbrach, kamen schon viele Syrer zum Arbeiten", sagt Mawas Aragi. Illegal, aber von den Behörden toleriert, denn die Wirtschaft profitierte davon. Jetzt sind es Zehntausende, die der Krieg hergebracht hat, "sie kommen von weit her, aus Rakka, von überall".

An der Müllkippe treffen sich an diesem Tag Gemeindevertreter und Ingenieure aus der Gegend, um die Pläne für eine modernere Deponie vorzustellen. Das bereits begonnene Projekt wird zunächst in einer ersten Ausbaustufe von der Europäischen Union finanziert, weil die Flüchtlinge aus dem Nachbarland nicht nur eine Belastung für das Zusammenleben im Libanon sind, sondern eben auch für die Infrastruktur. Verdoppelt, ja verdreifacht habe sich der Abfall, den sie entsorgen müssen, kaum noch zu bewältigen. Jetzt im Sommer wird das saubere Wasser knapp, denn die Syrer, erzählen sie hier, zapfen es ab, wo sie nur können: oft direkt an den Quellen, sodass im Tal zu wenig ankommt und es nicht mehr für alle reicht. Die Kanalisation versagt angesichts der rasant wachsenden Zahl von Menschen in den Städten und Dörfern der Region. Die Straßen leiden, weil der Verkehr zunimmt. Und das sind nur die größten Probleme, die technisch zumindest lösbar sind.

Auf der Deponie im libanesischen Bar Elias ist der Müll kaum noch unterzubringen: Zehntausende bleiben nach ihrer Flucht aus dem nahen Syrien in der (zuvor) kleinen Gemeinde. © Carsten Luther

Deshalb sind die Männer dankbar für das Deponie-Projekt und viele andere, die ausländische Geldgeber ermöglichen. Seit in Syrien vor fünf Jahren der Krieg ausbrach, muss sich der kleine Libanon einer gewaltigen Aufgabe stellen: Offiziell sollen mittlerweile zwischen 1,1 und 1,2 Millionen Menschen aus dem Nachbarland hier Schutz suchen, doch es könnten nach manchen Schätzungen auch zwei Millionen und mehr sein – damit wäre bei rund viereinhalb Millionen Einwohnern fast jeder Zweite ein syrischer Flüchtling. Dazu gehören auch Zehntausende Palästinenser, die vor allem aus dem Lager Jarmuk bei Damaskus fliehen mussten, das vom "Islamischen Staat" überrannt wurde. Insgesamt beherbergt der Libanon nun weit mehr als 300.000 Palästinenser, viele schon seit Jahrzehnten. Auf dem Papier ist die Grenze schon seit dem vergangenen Jahr geschlossen, es werden auch keine Syrer mehr registriert. In Bar Elias wissen sie: Das ist nur ein politischer Schritt, der die Zahlen im Zaum hält, mit der Realität hat das nichts zu tun.

Und so kippt die Stimmung am Rande der Deponie trotz der Freude über die Hilfe schnell. "Sie sind unsere Gäste, aber ..." beginnen die Sätze, wenn die Rede von den Syrern ist. Die Männer stehen auf von ihren Plastikstühlen, die Stimmen werden lauter. Das Mitgefühl für die Geflüchteten ist groß, keine Frage. Das hängt auch mit der Geschichte des Libanons zusammen: Hier wissen alle, was es bedeutet, wenn ein Bürgerkrieg das Land und die Menschen zerstört.

Doch die bisher enorme Hilfsbereitschaft der Bevölkerung wird insbesondere in der Bekaa-Ebene auf eine harte Probe gestellt. Arbeiten dürfen die Syrer im Libanon nicht. Die meisten tun es trotzdem, weil sie mit den UN-Hilfen oder Leistungen anderer Organisationen nicht über die Runden kommen; weil sie ohne Registrierung gar keine Unterstützung bekommen können; oder schlicht weil sie ihre Chancen nutzen, wenn die Behörden nicht in der Lage sind, ihre Regeln konsequent durchzusetzen. "Sie machen Läden auf, die dasselbe anbieten wie unsere hier oder sogar geschmuggelte Produkte aus Syrien, sie machen die Jobs zum Beispiel auf dem Bau für viel weniger Geld, und die Mieten schnellen in die Höhe – nicht alle Flüchtlinge sind arm", sagt Abdulghani Aragi, ein Verwandter des Bürgermeisters von Bar Elias, der als Ingenieur an der Planung der Deponie beteiligt war. Für eine kleine Unterkunft mit zwei Zimmern zahlte man früher 100 Dollar im Monat, inzwischen werden bis zu 500 verlangt.

Die meisten Syrer im Libanon finden irgendwo in den Städten und Gemeinden Zuflucht, sei es auch nur in einem kleinen Bretterverschlag unter einer Treppe, wenn es für ein Zimmer oder eine Wohnung nicht reicht. Wer anders nicht unterkommt, lebt in einer der Zeltsiedlungen, die sich in der Bekaa-Ebene hundertfach entlang der Straßen reihen, während es offiziell gar keine Flüchtlingslager der Syrer gibt. Die Plätze, wo sie doch entstehen, verpachten die Landbesitzer zum Beispiel für 800 Dollar pro Jahr und Zelt.