Die 28-jährige Gosa vor ihrem Zelt in einem kleinen Camp in Saadnayel, sie ist aus der Nähe von Aleppo in den Libanon geflüchtet. © Carsten Luther

In Saadnayel, einem Nachbarort von Bar Elias, sitzt die 28-jährige Gosa mit ihrem kleinen Sohn im Freien zwischen den schmutzigen Planen, die nun ihr Zuhause sind, und schneidet Zwiebeln. Das Haus ihrer Familie in der Nähe von Aleppo ist komplett zerstört, vor vier Jahren kam sie mit ihrem Mann in den Libanon, sie hatten zwei Jahre zuvor geheiratet, die drei Kinder wurden erst hier geboren. "Die Libanesen sind sehr gut zu uns", sagt Gosa. Anfeindungen oder sogar Übergriffe hat sie nicht erlebt. Im Gegenteil. Wenn sie zum Arzt gehe, erzählt sie, frage der erst einmal, wie viel sie von den UN bekomme und berechne entsprechend weniger. Gosa hat ganz andere Probleme.

Denn von ihrem Man hat sie sich vor einem Jahr getrennt: "Er heiratete eine andere Frau und brachte sie mit in unser Zelt, wie sollte das gehen?", sagt Gosa. Also verließ sie ihn und lebt jetzt in einem anderen Camp; ihr Bruder nahm sie auf, auch ihre Mutter ist hier. Zwei der Kinder sind aber immer noch beim Vater, und er hat die Papiere der Familie. Deshalb hat Gosa Angst: "Wie soll ich beweisen, dass ich Kinder habe, dass die drei meine Kinder sind, damit ich für sie Unterstützung bekomme?" Die junge Frau will die Scheidung und hofft, dass dann alles geregelt werden kann. Es gab auch schon einen Termin, aber ihr Mann tauchte einfach nicht auf. "Ich habe ihn seit drei Monaten nicht mehr gesehen", sagt Gosa. Irgendwann, hofft die Syrerin, wird sie in ihre Heimat zurückkehren können. Bis dahin muss sie für sich und die Kinder ein Leben in der Fremde organisieren – eines, das ihnen die Chance auf eine Zukunft ermöglicht.

Die Zukunft gerade der Kinder bereitet auch libanesischen Politikern große Sorgen. Deren Blick auf die Flüchtlingskrise ist zugleich, wie so oft in diesem Land, von Sicherheitsfragen geleitet. Ende Juni etwa sprengten sich in Al-Kaa im Norden der Bekaa-Ebene gleich mehrere Selbstmordattentäter in die Luft und töteten mindestens fünf Menschen – nicht zum ersten Mal, insbesondere der "Islamische Staat" hat sich zu zahlreichen Anschlägen im Libanon bekannt. In Al-Kaa und vielen anderen Orten bilden die Bewohner mittlerweile Bürgermilizen, die bewaffnet auf Streife gehen, weil sie sich von den Sicherheitskräften des Staates nicht ausreichend geschützt fühlen.

"Im Zentrum einer verrückten Welt"

Nabil de Freige, Staatsminister für Verwaltungsreformen und Parteimitglied der sunnitisch dominierten Zukunftsbewegung von Saad al-Hariri, kommt beim Mittagessen in Beirut direkt auf die Terrorgefahr zu sprechen: "Warum werden die Menschen zu Extremisten? Weil sie verzweifelt sind und sich erniedrigt fühlen." Zugleich sei es das Einfachste der Welt, in der Region Waffen zu beschaffen – "wir sind hier im Zentrum einer verrückten Welt" –, und die Grenze zwischen Syrien und dem Libanon könne man nicht vollständig kontrollieren, zumal wenn sich die libanesische Hisbollah am Krieg beteilige. Deshalb müsse es schnell eine politische Lösung geben, um den Krieg zu beenden. Nur eines werde noch dringender gebraucht, sagt de Freige: Schulen.

Grob die Hälfte der syrischen Flüchtlinge im Libanon sind Kinder. "Hunderttausende gehen nicht zur Schule, können nicht lesen und schreiben – was glauben Sie, wo die enden werden? Sie werden von den Extremisten rekrutiert", warnt auch Yassine Jaber, Parlamentsabgeordneter der schiitischen Amal-Partei und früherer Wirtschaftsminister. "Wir müssen verhindern, dass diese Generation verlorengeht", sagt der Politiker und schaut aus seinem Bürofenster in Beirut in die Ferne. Der Libanon selbst ist dazu immer weniger in der Lage: Der Krieg nebenan hat die Wirtschaft schwer getroffen, die vielen Flüchtlinge bringen weitere Probleme mit, und währenddessen blockiert sich die Politik im Land selbst. Seit dem Frühjahr 2014 sind alle Versuche gescheitert, einen neuen Staatspräsidenten zu wählen, mehr als zehn Jahre ist es her, dass ein regulärer Haushalt verabschiedet wurde. Jaber zieht daraus den Schluss: "Wir brauchen keine Belehrungen, wir brauchen Geld." Wenn es einfach so weitergehe wie bisher, werde alles zusammenbrechen – "und dann wird auch Europa ein großes Problem bekommen".

In Bar Elias am Rande der Müllkippe haben sich die Gemüter wieder etwas beruhigt. "Wir sind es gewohnt, dass die Regierung uns vernachlässigt", sagt Bürgermeister Mawas Aragi. In der Runde nicken alle still. Viele betonen eindringlich ihr Verständnis für die Lage der syrischen Flüchtlinge. Der Punkt, an dem die Gastfreundschaft in der Bekaa-Ebene überbeansprucht würde, sei zwar bald erreicht, aber eben noch nicht jetzt. Nur eines will Aragi ganz deutlich machen, er senkt den Kopf mit steinernem Blick und sagt: "Wir werden niemals akzeptieren, dass sie für immer bleiben."

Die Reise wurde ermöglicht durch das European Journalism Centre.