Als Donald Trump zur Titelmelodie des Harrison-Ford-Klassikers Air Force One mit dem Hubschrauber in Clevelands Innenstadt landet, wartet Mike Pence schon auf seinen neuen Chef. Trump nimmt gleich ein Bad in der Menge, schüttelt Hände, lässt sich fotografieren – und hängt Pence schnell ab. Der überlässt Trump die Show, hält sich im Hintergrund und gibt sich seriös. Denn er weiß: Donald Trump braucht neben sich kein zweites Showtalent. Sondern einen Stellvertreter, der ihm den Rücken freihält. 

Hatte der Milliardär vergangene Woche noch gezögert, gemeinsam mit Pence ins Rampenlicht zu treten, unterstützt er ihn nun, wo er kann. "Ich möchte euch jemanden vorstellen, der ein unglaublicher Vizepräsident sein wird", ruft Trump mit Gönnermiene vom Ufer des Eriesees in die Menge und drückt Pence das Mikro in die Hand. Es läuft gut für die beiden – am Abend zuvor haben die Delegierten in Cleveland sie offiziell zu ihren Präsidentschaftskandidaten gewählt. Auch die Parteiprominenz ist zufrieden mit Pence. Der Auftritt am Eriesee kommt weit früher als der für Trump katastrophale Auftritt von Ted Cruz am Abend vor den Delegierten in der Kongresshalle, als dieser Trump offen seine Unterstützung verweigert und die Delegierten im Saal auffordert, ihre Wahlentscheidung nach Gewissen zu treffen. Trump wischt das natürlich mit einer lässigen Geste beiseite. Seine Trump-Show lässt er sich nicht vermiesen. Und Hauptredner war schließlich nach Cruz dann sein Mann Pence.

Mit dem verbindet Trump inhaltlich kaum mehr als ihr Hass auf die demokratische Opposition. Mit Trumps America-First-Politik kann Pence nichts anfangen. Er ist durch die klassische republikanische Denkschule geprägt worden: Seit Jahren wirbt er für den internationalen Freihandel, im transpazifischen Handelsabkommen TPP sieht er eine riesige Chance. Außenpolitisch ist Pence ein knallharter Beschützer Israels. Trump hingegen nennt Amerikas Freihandelsabkommen mit Kanada und Mexiko "den schlechtesten Wirtschaftsdeal in der Geschichte unseres Landes", zu Israel will er sich erst einmal "neutral" verhalten. 

Auch schimpft Trump seit Wochen auf all jene, die 2003 im Kongress für die Invasion des Iraks stimmten. Er zielt damit auf seine Konkurrentin Hillary Clinton, die den Einsatz damals befürwortet hatte. Doch er trifft auch seinen Partner Pence, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 voller Überzeugung für den Krieg gegen Saddam Hussein warb. Pence gilt sogar als Vordenker der neokonservativen Interventionisten, die Amerikas Soldaten unter der Führung von Präsident George W. Bush in den längsten Krieg der US-Geschichte geschickt hatten. 

Aber Trump kümmert all das nicht. Als ein TV-Reporter ihn und Pence am Wochenende zu den inhaltlichen Differenzen befragt, sagt er nur: "Das ist mir egal." Clinton hält er für wahnsinnig, den Ex-Präsidenten Bush nennt er einen Lügner, aber Pence kommt bei ihm ungeschoren davon. Denn Trump weiß genau, dass sich zwischen ihm und seinem Stellvertreter ein riesiger Graben auftut. Gerade deshalb hat er den Gouverneur von Indiana ja ausgewählt: Pence soll all jene Republikaner abholen, die sich noch immer nicht mit Trump abgefunden haben. Die Aufgabenteilung ist klar: Trump lenkt, Pence hält den Mund.  

Bisher geht Trumps Plan auf – Establishment-Politiker loben in Cleveland seine kluge Wahl, schließlich können sie nun immer auf Pence verweisen, wenn sie auch mit Trump nicht einverstanden sind. Der Gouverneur dient als Puffer zwischen Partei und Kandidat. Und er schützt den Milliardär aus New York vor Kritikern, die ihn für zu unerfahren halten. Pence saß zwölf Jahre lang im US-Kongress, bevor er 2013 zum Gouverneur von Indiana gewählt wurde. Anders als Trump kennt Pence den politischen Betrieb in Washington genau, hat Dutzende Ausschüsse, Verhandlungen und Parlamentsdebatten hinter sich. 

Allerdings könnte Pence im Wahlkampf schnell neben Trump verblassen. Bei seinem Auftritt vor einem konservativen Thinktank am Dienstag spricht er über die Arbeitsmarktpolitik in Indiana und seine Faszination für den Republikaner-Übervater Ronald Reagan. Keine Kante, kein wirkliches Profil – ein streng Konservativer eben. Doch hat Trump ihn ja auch nicht als Entertainer angestellt – sondern als Ausputzer. Die Aufmerksamkeit der Medien liegt ohnehin bei Trump. 

Die Demokraten sehen in Pence dennoch offenbar eine echte Gefahr: Schon bevor Trump zum ersten Mal gemeinsam mit seinem Vize in der Öffentlichkeit auftrat, flutete die Clinton-Kampagne die sozialen Medien mit aggressiver Negativwerbung. Im Zentrum der Kritik steht ein Gesetz, das Pence als Gouverneur von Indiana im vergangenen Jahr unterzeichnet hat. In seinem Staat dürfen Ladenbesitzer und Arbeitgeber seitdem Homosexuellen die Bedienung oder einen Arbeitsplatz mit Verweis auf religiöse Skrupel verweigern. Pence hat die Diskriminierung von Schwulen und Lesben in Indiana möglich gemacht. Und gilt unter Demokraten deshalb als fanatischer Rechter. 

Bis vor Kurzem hatten viele Delegierte noch nie von Pence gehört. Doch mit jedem Auftritt gewinnt der 57-Jährige unter den Republikanern an Zustimmung. Besonders beliebt ist er bei den Evangelikalen – einer Gruppe, die Trump bislang nicht für sich gewinnen konnte. Der Delegierte Shawn Almond, 22, aus North Carolina sagt über Pence: "Er ist ein großartiger Kandidat, weil er in seiner Zeit als Gouverneur die konservative Agenda entschieden verteidigt hat."

In der heißen Phase des Wahlkampfs könnte Pence für Trump trotzdem zur Belastung werden: Ihre inhaltlichen Differenzen machen es den beiden unmöglich, sich gemeinsam zu politischen Streitfragen zu äußern. Einen eigenen Gestaltungsanspruch kann Pence deshalb nicht erheben – ihm bleibt nur die Rolle des distanzierten Politikprofis. 

Entsprechend ist auch sein Auftritt auf dem Parteitag in Cleveland ein wenig skurril: Die Delegierten feiern ihn für jeden Satz, den er sagt. Dabei umschifft er die meisten wirklich wichtigen Themen einfach und zieht sich weitgehend auf Allgemeinplätze zurück – zu groß ist die Gefahr, dass er der Linie Trumps öffentlich widerspricht. Lieber geht Pence mal wieder Clinton an: "Am Ende stehen auf dem Wahlzettel zwei Namen, also lasst uns hier und jetzt beschließen, dass Hillary Clinton niemals Präsidentin der Vereinigten Staaten wird." Sehr viel deutlichere Worte, als Ted Cruz sie kurz vorher gefunden hat. Dagegen kann Trump nun wirklich nichts haben.