Vor zwei Jahren markierte der Nato-Gipfel in Wales das Ende der Partnerschaft zwischen Russland und dem westlichen Militärbündnis. Nun leitet der Nato-Gipfel in Warschau, der diesen Freitag begonnen hat, etwas ein, das viele nicht mehr für möglich gehalten hätten: eine militärische Konfrontation in Europa. Der neue Konflikt zwischen Russland und dem Westen, zunächst ein Ergebnis der Ukraine-Krise, nimmt mittlerweile dauerhafte Züge an. Anstatt diesen Umstand zu beklagen (der zweifelsohne beklagenswert ist) oder der Gegenseite die Schuld zuzuschieben (was zweifelsohne weiterhin stattfinden wird), geht es jetzt vielmehr darum sicherzustellen, dass die neuerliche Konfrontation sich nicht zu einem Großkonflikt auswächst.

Das bedeutet: die Pattsituation verfestigen, einen vernünftigen Umgang mit der misslichen Lage finden und Kommunikationskanäle für ernsthaften Austausch offenhalten.

Dmitri Trenin ist der Direktor des Carnegie Moscow Center. Bevor er 1994 zu Carnegie kam, diente er in den sowjetischen und dann in den russischen Streitkräften (1972-1993). 2016 erschien im Moskauer Verlag Eskmo sein Buch "Russland und die Welt im 21. Jahrhundert". © Carnegie Moscow Center

Um einen solchen Austausch ergiebiger zu machen, muss jede Partei zunächst die Standpunkte der anderen verstehen.

Die Russen müssen Folgendes zur Kenntnis nehmen: Moskaus Reaktion auf den Euromaidan – erst auf der Krim, dann in der Südostukraine – war eine Kampfansage an das globale System, dessen Vorsteher und Garant die Vereinigten Staaten sind, und sie war ein schwerer Schlag für das Konzept der europäischen Friedensordnung, die zu einem Glaubensgrundsatz deutscher und anderer europäischer Politiker geworden ist.

Diese Herausforderung ist von grundlegender Bedeutung, und die folgende Konfrontation kann nicht verhindert werden. Beide Seiten werden lange im Wettstreit liegen müssen, ehe es ein eindeutiges Resultat gibt.

Der Westen muss Folgendes zur Kenntnis nehmen: Die Konfrontation mit Russland rührt nicht lediglich daher, dass Russland autoritär, nationalistisch und selbstbewusst geworden ist. Wie die europäische Geschichte zeigt, führt ein Versäumnis, nach einem Großkonflikt (was der Kalte Krieg war) eine internationale Ordnung zu schaffen, die für die unterlegene Partei akzeptabel ist (die Sowjetunion hat den Kalten Krieg nicht überlebt), zu einer neuen Runde des Wettstreits. Die berühmte Wendung von US-Präsident George H. W. Bush von einem "geeinten und freien Europa" galt für alle Länder westlich der russischen Grenze. Russland sollte Partner sein, aber nicht Teil der Abmachung.

Die Erweiterung der Nato, beworben als Symbol der Konsolidierung von demokratischem Frieden und Entwicklung in Europa, erschien somit in den Augen der russischen Eliten als ein Mittel zur Konsolidierung westlicher strategischer Positionen gegenüber einem an den Rand gedrängten Russland.

Neue, alte Blöcke

Vor 25 Jahren löste sich der Warschauer Pakt offiziell auf. Die militärischen Kräfte haben sich verschoben – noch immer aber stehen sich zwei hochgerüstete Armeen gegenüber.

Militärische Stärke*:

gering

mittel

hoch

sehr hoch

* Für die Eingruppierung militärischer Stärke werden drei Kriterien berücksichtigt: 100.000 Soldaten oder mehr, 1.000 Panzer oder mehr sowie 100 Kampfflugzeuge oder mehr. Länder, deren militärische Stärke als sehr hoch ausgewiesen wird, erfüllen alle drei Kriterien; werden eines oder mehrere Kriterien nicht erfüllt, verringert sich die angegebene militärische Stärke entsprechend. Klicken oder tippen Sie auf einzelne Länder, um detaillierte Truppen- und Waffenzahlen zu sehen.

Zur Kenntnis nehmen statt anerkennen

Diese gegenseitige "Zurkenntnisnahme" ist nicht gleichbedeutend mit einer Anerkennung des jeweils anderen Narrativs. Es gibt nahezu keine Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Sichtweisen auf die jüngste Vergangenheit.

Wichtiger jedoch sind Gegenwart und Zukunft. Im Hinblick auf die Gegenwart ist die dringlichste Aufgabe, Vorfälle zwischen Flugzeugen und Kriegsschiffen der Nato und Russlands zu vermeiden. Zusammenstöße und der Verlust von Menschenleben würden die Konfrontation auf eine erheblich gefährlichere Stufe heben. Bei einem Besuch in Finnland hat Russlands Präsident Wladimir Putin jüngst auf das Problem hingewiesen und Maßnahmen zur Lösung angemahnt. Dem muss unbedingt nachgegangen werden, und zwar augenblicklich.