Was die Zukunft betrifft: Da eine neue militärische Gegenüberstellung an Russlands Westgrenze bereits Tatsache ist, sollte die Aufgabe sein, die Menge an Streitkräften gering zu halten. Die vor Warschau angekündigten Verstärkungen – 4.000 Bündnissoldaten, die auf Rotationsbasis in Polen und den baltischen Staaten stationiert werden sollen – würden den russischen Generalstab nicht in große Aufregung versetzen. Die russische Gegenmaßnahme, zwei Divisionen in den westlichen Militärbezirk zu verlegen, ist völlig vorhersehbar. Idealerweise sollten es beide Seiten dabei belassen. Andernfalls wird ein absolut unsinniger und unkluger Kreislauf der Remilitarisierung von Europas Divisionen folgen.

Raketenabwehr ist ein weiteres Feld, wo die Logik von Aktion und Reaktion zu einem Wettrüsten führen kann. Die rumänische Stellung ist in ihrer augenblicklichen Form kein großes Problem, wie die Russen anerkennen. Sollte sie jedoch für einen anderen Raketentyp umgerüstet werden, was technisch möglich wäre, könnte sie zum Problem werden. Nur mit vertrauensbildenden Maßnahmen können Russlands Befürchtungen zerstreut und damit eine Reaktion Moskaus verhindert werden. Die polnische Stellung, die erst 2018 in Betrieb gehen wird, führt zu einer ähnlichen Zwickmühle: Entweder überzeugt man die Russen, dass sie keinen Grund haben, überzureagieren – oder sieht der Wahrscheinlichkeit ins Auge, dass sie es tun.

Kaliningrad, Russlands Enklave innerhalb des Nato-Gebiets, wird bereits in einen Vorposten verwandelt, von dem aus russische Gegenangriffe bis tief ins Gebiet der Allianz reichen könnten.

Um die wiederbelebte Rivalität unter Kontrolle zu halten, ist ständiger Austausch auf allen geeigneten Ebenen ein Muss. Bislang wurden die Kontakte zwischen der Nato und Russland bei jeder Krise in Europa abgebrochen: 1999 wegen Kosovo/Serbien, 2008 wegen Südossetien/Georgien, 2014 wegen der Krim/Ukraine. Beide Seiten betrachteten den Kontakt zur jeweils anderen als ein Privileg, das nach Belieben entzogen werden konnte.

Bilaterales Konfliktmanagement

Nach dem Ende der Partnerschaft sollte so etwas nicht länger geduldet werden. Im Gegenteil muss der Nato-Russland-Rat umgestaltet werden zu einem Werkzeug des Konfliktmanagements; er muss darauf vorbereitet sein, Überstunden zu machen, wann immer eine neue Krise in den Beziehungen auftritt. Was die fortlaufende Donbass-Krise angeht, muss sie unter viel strengere Kontrolle gebracht werden als derzeit.

Während der Ukraine-Krise gaben hohe Militärführer und Sprecher beider Seiten gerne öffentliche Stellungnahmen über das Fehlverhalten der anderen Seite ab. Sie richteten sich an ein nationales und internationales Publikum, aber nie an ihre Gegenüber jenseits der neuen europäischen Trennlinie. Die Direktleitung zwischen Kreml und Weißem Haus ist aber nicht genug, selbst wenn man die Verbindung zwischen amerikanischem und russischem Außenminister dazurechnet. Der Nato-Oberbefehlshaber muss in der Lage sein, sich mit dem Kommandeur von Russlands westlichem Militärbezirk ins Vernehmen zu setzen, und der russische Generalstabschef braucht eine Direktverbindung zum Vorsitzenden des Vereinigten Generalstabs der USA.

Mit dem Status quo leben

Nachdem der Schock über den plötzlichen Bruch abgeklungen ist, müssen sich Russland und die Nato mit den neuen Gegebenheiten abfinden, die einige Jahre andauern dürften. Ihr Konflikt ist keineswegs trivial, aber einen europäischen Krieg ist er zweifellos nicht wert. Den zu verhindern, sollten gemeinsame Vorsichtsmaßnahmen sicherstellen.

Vermutlich ist es noch zu früh für Gespräche zwischen russischen und westlichen Amtsträgern über eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa: Die aktuelle Runde des Wettstreits beginnt gerade erst. Allerdings müssen sie in ständigem Kontakt miteinander bleiben, um sicherzustellen, dass das, was von der bestehenden Architektur noch übrig ist, nicht über ihren Köpfen – und denen ihrer Bürger – zusammenstürzt.

Übersetzt  aus dem Englischen von John Birke

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