Wer fällt als nächster? Die britische Politik erinnert momentan an eine Kegelbahn, auf der der Brexit mit großem Rumms in die Hölzer gedonnert ist. Erst fällt das Holz ganz vorne, Premier David Cameron, der das Schlamassel durch die Anrufung von Volkes Wille angezettelt hat. Dann fällt Chef-Brexiter Boris Johnson. Boris‘ Vize Michael Gove und Labours lauwarmer Dreiviertel-Drinbleiber Jeremy Corbyn wippen auf der Kante. Und jetzt schnellt Nigel Farage aus der Bahn. Heute Vormittag gab er seinen Rücktritt als Vorsitzender der UK Independence Party (Ukip) bekannt.

Farage – ach, irgendwie werden wir ihn vermissen. Mal ein britischer Don Quijote, der sich in jedem Gewitter nach draußen begab und gegen die Naturgewalten kämpfte. Mal ein neuzeitlicher Jeremia, der die Nation vor seinem kleinmütigen Establishment warnte, das zu feige ist, sich dem Blitz und Donner entgegen zu stellen. Dabei handelt es sich bei dem Unwetter doch um nichts weniger als um eine internationale Verschwörung, die das "Groß" aus Großbritannien herausmetzen will.

Und bei allem bleibt Farage – was auch sonst – ein echter Mann. Nichts bringt ihn um, die von undemokratischen Brüsseler Wichtigtuern verbotenen Gifte schon gar nicht. Und selbst wenn es gar nicht die Brüsseler Bürokraten waren, welche das Rauchen in Pubs verbaten, man kann es ihnen ja immer anhängen. Auch mit 52 Jahren kann Farage schmerzlos nach Herzenslust rauchen und sich ein Pint warmen englischen Biers nach dem anderen hinter die Binde kippen. Es verleiht seiner Stimme ein sonores Timbre, das man bei der heutigen Politikergeneration mit ihrem puritanischen Lebenswandel ja so vermisst. Farage scheint immun gegen deren Gesundheitsängste und gegen Leberkrebs und Lungenschäden, die befallen nur schwächere Charaktere.

Ukip-Chef Farage tritt zurück Der Parteichef der EU-feindlichen Ukip in Großbritannien, Nigel Farage, hat seinen Rücktritt angekündigt. Bereits 2015 war er schon einmal vom Parteivorsitz zurückgetreten.

Ein Flugzeugabsturz stärkte ihn

Noch so ein Ding: 2010 setzte er sich während des Unterhauswahlkampfes neben den Piloten eines winzigen Flugzeuges, das ein Banner mit der Aufschrift "Wähle dein Land – Wähle Ukip", in die Lüfte schleppte. Das Banner verwickelte sich im Heckruder. Das Flugzeug kippte im Sturzflug in einen Acker. Farage, nur oberflächlich verletzt, wurde aus dem zertrümmerten Cockpit befreit. Er ging gestärkt aus der Episode hervor. Den schwer verletzten Piloten stürzte der Unfall in Geldschwierigkeiten und ein psychisches Trauma. Er wurde drei Jahre später tot aufgefunden.

Unvergessen ist auch jene Episode, als Farage 2014 das Königreich zusammenhalten und Schottland vor der Unabhängigkeit retten wollte. Trotz seines von vielen Schotten der Unterschicht geteilten Glaubens an die Unverwüstlichkeit der menschlichen Physis durch Nikotin und Alkohol ist er dort total unbeliebt, vor allem wegen seines forsch "englischen" Auftretens. Wenn einer Nigel heißt, ist er im Norden der Insel ohnehin schon untendurch. Ein aufgebrachter Mob hetzte ihn durch die Altstadt von Edinburgh wie einen Missetäter, den sie dem Scharfrichter in die Arme treiben wollten. Er musste sich in einem Pub verbarrikadieren. Ein nicht unbeträchtliches Polizeiaufgebot eilte zu seiner Rettung herbei. "Rassistischer Naziabschaum"  schrie der Mob, "Verpiss dich zurück nach England!"Was ihn in die Lage versetzte, den Anwurf des Rassismus in selbstgerechter Befriedigung zurück zu reichen.