Die Endstation der Tram heißt "Henri Sappia". Hier im Nordwesten Nizzas, wo die Wohnblöcke 16 Geschosse haben und nicht mehr nur fünf oder sieben wie im Zentrum, endet Nizzas einzige Straßenbahnlinie. Auf den Balkonen stehen neben Blumenkübeln Schuhregale, Wäscheständer, Kinderfahrräder. Hier hat der Attentäter vom 14. Juli mit seiner Familie gelebt, bevor er sich von seiner Frau trennte. Er zog dann offensichtlich in die Route de Turin, eine hässliche Straße weiter östlich, zwischen Schlachthöfen und Güterbahnhof, ebenfalls gesäumt von riesigen Wohntürmen, allerdings viele ohne Balkone und noch etwas heruntergekommener als am Boulevard Henri Sappia.

Ganz in der Nähe liegt das andere Ende der Straßenbahnlinie und wenn man solche Bilder mag, kann man die Geschichte von Mohamed Lahouaiej-Bouhlel und seiner Heimatstadt entlang dieser Linie erzählen. Wie ein großes "U" durchzieht sie Nizza. Sie beginnt und endet in den beiden Vierteln, in denen er gelebt hat. Ihren südlichen Wendepunkt, nur jeweils eine gute Viertelstunde Fahrt entfernt, hat sie am Meer. Dort reicht die Linie fast bis an die Promenade des Anglais. Es sind nur wenige Schritte bis zu den Tausenden Blumen, die dort am Wochenende nach dem Anschlag liegen im Gedenken an die Menschen, die Lahouaiej-Bouhlel hier getötet oder verletzt hat.

Viele Menschen hat der Anschlag in Nizza auch deswegen so stark bewegt, weil sie die Stadt an der Côte d'Azur kennen, wenn ihr Nizza auch ganz anders ist als das des Attentäters. In Frankreich ist die Stadt nach Paris das zweithäufigste Touristen-Ziel. Sie ist berühmt für ihr Licht, für Künstler wie Picasso und Matisse, denen zahlreiche Museen gewidmet sind, für das Savoir-Vivre, das hier schon einen deutlich italienischen Einschlag hat, und natürlich das Meer und seine  Strände.

Im östlichen Zentrum liegt die alte Altstadt, die aus dem 16. Jahrhundert stammt, mit ihrem Gassengewirr, dem Blumenmarkt und dem Hafen. Im westlichen Teil, durch das kleine Flüsschen Paillon getrennt, steht die neue Altstadt der Belle Epoque, mit opulenten Bürgerhäusern und teuren Hotels entlang der Promenade des Anglais, deren markantestes vermutlich das Negresco ist mit seiner rosafarbenen Kuppel, angeblich eine dachgewordene Hommage an den Busen der Geliebten des Hotelgründers. Wenn der moderne Tourismus irgendwo eine Brutstätte hatte, lag die vermutlich hier.

Lange Jahre schien man sich um die Besucherströme keine Sorgen machen zu müssen. Die kamen wegen Attraktionen, um die man sich als Stadt nicht zu kümmern brauchte. Doch als in den Nachkriegsjahren der Tourismus boomte, ging man allzu sorglos mit dem Erbe um. 1974 versiegelte man den Paillon, überbaute ihn mit hässlichen Autostellplätzen und einem noch viel hässlicheren Busbahnhof. Danach wand sich direkt vom Meer her kommend durch Nizzas Innerstes ein Betonkoloss, den man als Fußgänger kaum überwinden mochte und konnte. Selbst das Spazieren auf der so legendären Promenade des Anglais war kein wirkliches Vergnügen mehr. Der Autoverkehr hatte Vorrang vor Fußgängern, an Fahrradfahrer hatte erst gar keiner gedacht. 2007 fuhren 100.000 Autos und Laster über die Promenade des Anglais – täglich.

Exotisch und frivol

Es hat lange gedauert, bis sich Nizzas Politiker darum bemühten, was in anderen europäischen Großstädten längst begonnen hatte: die Stadt lebenswert zu machen für seine Besucher und Bürger. Sukzessive hat man die Promenade für den Autoverkehr zurückgebaut, breiteren Platz für die Spaziergänger geschaffen und eine Extraspur für Fahrradfahrer und Inlineskater. Neue Palmen wurden angepflanzt, die immer ein wenig so exotisch und frivol wirken, wie Nizza sich gerne selbst sieht.

Der große Coup jedoch gelang Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi. Der begann 2011 damit, Tausende Kubikmeter Beton über dem verschwundenen Paillon wieder abzureißen und in Nizzas Mitte einen zwölf Hektar großen Park anzulegen. Im Spätherbst 2013 wurde er eingeweiht: eine zweite Flaniermeile, mit erfrischenden Wassernebelspielen und prachtvollen Grünanlagen, großzügigen Picknickflächen und riesigen, fantastischen Meerestieren als Klettergerüsten.

Mehr als 90 Prozent der Bürger von Nizza leben in Wohnungen. Sie sollten mit dieser Coulée Verte einen gemeinschaftlichen Garten mitten in der Stadt bekommen. Die Idee scheint aufgegangen zu sein. Wenn es nicht gerade das Wochenende nach einem furchtbaren Anschlag ist, kommen an warmen Tagen – von denen es aus nordeuropäischer Sicht sehr viele gibt – zahlreiche Menschen, breiten ihre Decken aus und essen, was sie in ihren Rucksäcken und Tragetaschen mitgebracht haben. Darunter waren – das fiel immer auf – gerade auch afrikanisch- oder arabischstämmige Familien, in denen viele Frauen verschleiert waren.