Wir nippen gerade an unserem eiskalten Pastis, da blitzen die Augen meiner Freundin auf. "Wir sollten alle Verdächtigen in einem Flugzeug über dem Meer abwerfen", sagt Hélène. Die Runde schweigt.

Hélène ist in Nizza geboren, sie ist Rechtsanwältin, hat zwei kleine Kinder, tanzt auf Feiern bis zum Schluss und ihre beste Freundin ist eine Muslimin. Eine herzliche, belesene Frau. Aber seitdem in ihrer südfranzösischen Heimatstadt ein Attentäter mindestens 84 Menschen mit einem Laster tötete, haben sich ihre Gesichtszüge verhärtet. Kurz nach dem Ereignis wollte sie gar nicht darüber sprechen, angestrengt verschloss sie ihre Wut und Trauer hinter zusammengepressten Lippen. Nun, einige Tage später, möchte sie Sondergesetze für alle einmal suspekt gewordenen Menschen und sie möchte Flüchtlinge an der nur 20 Kilometer entfernten italienischen Grenze aussperren. "Ich habe so einen Hass in mir, ich kann das nicht mehr schlucken", sagt sie.

Südfrankreich ist bekannt dafür, weit rechts zu wählen. In einigen Städten regiert der rechtsextreme Front National, in nahezu allen weiteren Kommunen die konservativen Republikaner. Ihre Worte sind häufig ebenso brachial und emotional wie neuerdings auch die von meiner Freundin Hélène. Es sollten künftig Kriegswaffen in den Städten benutzt werden, sagt Eric Ciotti von den Republikanern. Marion Maréchal Le Pen vom Front National darf in allen Medien äußern, keine Flüchtlinge mehr aufzunehmen, würde den Franzosen die alte Sicherheit wiederbringen.

Worte, die im Raum stehen bleiben und die bei den von Attentaten erschütterten Franzosen widerhallen. Die Besitzerin unseres kleinen Dorfladens möchte alle einmal kriminell gewordenen Menschen des Landes verweisen. Und was, wenn sie mal über Rot führe oder ihre Nichte im Laden klaut? Sollten sie dann auch ausreisen müssen? "Papperlapapp, wir waren lange genug geduldig, jetzt müssen wir durchgreifen", sagt sie. Ich erkenne meine friedliebende Lebensmittelhändlerin nicht wieder.

Der Wandel zu Law and Order, zu einer allein auf Sicherheit abzielenden Politik von Wählern und Bürgern, ist ein bekanntes Phänomen in unsicheren Zeiten. Vielleicht trifft es Franzosen und Französinnen in dieser schönen Gegend mit Meerblick und den Seealpen im Rücken besonders unverhofft. Die Bilder von der Promenade, die vor dem türkisblauen Wasser Leichen und Blut an den Dattelpalmen zeigen, sind von einem verstörenden Kontrast.

Die Menschen in Nizza sind fassungslos. Häufig hoffen sie, ihre Sicherheit in Waffen wiederzufinden. Sie wollen die örtlichen Polizisten mit Schusswaffen ausstatten, obwohl die eigentlich nur den Verkehr regeln und Knöllchen verteilen und sie heißen es gut, wenn neben den Eisdielen und Bikini-Shops plötzlich Soldaten mit Maschinengewehren stehen.