Die Rede für diesen schwierigen Moment hat Barack Obama selbst geschrieben, so wie er das schon vor einem Jahr getan hatte, als er nach dem Massaker in einer Kirche in South Carolina zu der trauernden, schwarzen Gemeinde sprach. Bei der Gedenkfeier in Dallas trauert Amerika wieder. Um fünf Polizisten, die in der vergangenen Woche von einem Heckenschützen erschossen wurden. Fünf leere Stühle erinnern im Morton H. Meyerson Symphony Center an die Toten.

"Eine weitere Gemeinde wurde auseinandergerissen, und einmal mehr fragen wir uns, was der Sinn dahinter ist und was wir hätten tun können, um es zu verhindern", sagt Obama in Dallas. Die Tat habe das Land verwundet und wütend zurückgelassen. Es sei schwer, nicht zu verzweifeln, nicht zu denken, dass es immer schlimmer werde. "Aber ich bin hier, um zu sagen, dass wir die Verzweiflung nicht zulassen dürfen." Mitten im Chaos am vergangenen Donnerstag, als ein Schütze das Feuer eröffnete, hätten sich die Menschen geholfen, egal, ob weiß oder schwarz. Der Bürgermeister, ein Weißer, und der Polizeichef, ein Schwarzer, arbeiteten Hand in Hand daran, die Stadt wieder zu vereinen. "Das ist das Amerika, dass ich kenne."

Der Präsident sucht in seiner Rede nach heilenden Worten, für die Polizeikräfte genauso wie für die trauernden schwarzen Gemeinden und die Wut der Black-Lives-Matter-Bewegung. Dass er nicht viel mehr als Inspiration sein kann, das scheint Obama bewusst. Jetzt ist nicht der Moment für konkrete Schritte. "Ich weiß, dass wir es schaffen können, weil ich es in meinem eigenen Leben erlebt habe", sagt er etwa.

Die Probleme, die sich in den vergangenen Tagen erneut gezeigt haben, kann Obama nicht lösen. Auf das, was in den lokalen Polizeidepartments im Land passiert, hat der Präsident in Washington kaum Einfluss. Die Gelder und Regeln kommen aus den Kommunen, ob etwa die Streifenpolizisten eine Kamera tragen oder ein Deeskalationstraining absolvieren müssen, das wird vor Ort entschieden. Genauso wie die Frage, wer in den Gremien sitzt, die Polizisten zur Verantwortung ziehen sollen. Kultur und Regeln unterscheiden sich in den USA von Department zu Department. Ausgerechnet die Polizei in Dallas galt als Vorreiter, wenn es darum ging, das Verhältnis zwischen den Bürgern und den Einsatzkräften zu verbessern.

Der Präsident ist in Dallas aber auch vorsichtig, weil er inzwischen weiß, dass er sich als erster schwarzer Präsident auf einem schmalen Grat bewegt. Das Jahr 2008, als der bis dahin fast unbekannte Senator aus Chicago das höchste Amt im Land erreichte, galt für viele als Beginn eines post-rassistischen Amerikas. Mit der Wahl eines Schwarzen wollte das Land sich die dringend nötige Absolution von der eigenen Geschichte verschaffen. "Wir sind kein schwarzes oder weißes, hispanisches oder asiatisches Amerika, wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika", hatte Obama schon in einer Rede auf dem demokratischen Parteitag 2004 gesagt. Worte, die später oft zitiert wurden. Nur hat es seitdem kaum Fortschritte gegeben.

Im Gegenteil. Vor allem viele jener weißer konservativer Wähler, die Donald Trump jetzt zum Aufstieg verholfen haben, standen dem ersten Schwarzen im Weißen Haus von Beginn an skeptisch gegenüber. Für Millionen von Amerikanern, schrieb das Magazin Slate, sei die Wahl von Obama ein Schock gewesen, der die geltenden Machtverhältnisse auf den Kopf stellte. Ironischerweise habe ausgerechnet die Wahl von Obama gezeigt, wie tief der Rassismus noch immer sitze. Im Kongress verweigerte der radikale Tea Party-Flügel der Republikaner Obama jede Bewegung. Seit seiner erster Kandidatur fürs Weiße Haus spekulieren seine Gegner hartnäckig und öffentlich, er sei gar nicht in den USA geboren. Zu den Verfechtern dieser These gehört auch der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump.

Die Zahl der so genannten Hate Groups, Gruppierungen also, die sich die Diskriminierung und Unterdrückung von Anderen auf die Fahne schreiben, ist unter Obama von weniger als 150 auf fast 900 gestiegen. Statt ein post-rassistisches Amerika zu schaffen, hätten die Obama-Jahre dafür gesorgt, dass einem längst tot geglaubten Rassismus die Tür geöffnet worden sei, so Michael Tesler von der Brown University in einer Untersuchung. Trump, der seine Unterstützer auch in den Reihen des Klu Klux Klans hat und immer wieder mit rassistischer Symbolik spielt, gilt vielen Beobachter als direkte und logische Folge von Obama und als Zeichen dafür, wie gespalten das Land noch immer ist. "Ich bin nicht naiv, ich war auf zu vielen Trauerfeiern wie dieser", sagt der Präsident in Dallas.

Jeder muss sich fragen, ob er Vorurteile hat

Nur wenige Stunden zuvor versuchte sich auch Hillary Clinton während eines Auftritts in New Hampshire daran, nach vorne zu blicken und Hoffnung zu geben. Sie klingt dabei fordernder. Es sei an der Zeit, den systemischen Rassismus im Land zu bekämpfen und das Vertrauen in die Polizei wiederherzustellen. Clinton verspricht, gegen ein System zu kämpfen, das schwarze Amerikaner härter und häufiger bestrafe als ihre weißen Mitbürger. Sie fordert nationale Richtlinien, um den Einsatz von Polizeigewalt zu regeln und verpflichtende Übungen, um implizite Vorurteile in den Polizeidepartments abzubauen. "Wir müssen uns auch selbst fragen, ob wir diese Vorurteile haben", sagt Clinton. Ganz bewusst präsentiert sie sich im laufenden Wahlkampf als Erbin von Obama. Doch: Viele Schwarze im Land sind von dessen Amtszeit enttäuscht und werfen ihm vor, sich zu defensiv für ihre Rechte eingesetzt zu haben.

"Wir alle wissen, dass es noch immer Vorurteile gibt, wir haben es in unserem eigenen Leben erlebt, vielleicht hören wir sie in unserem eigenen Kopf und spüren sie in unserem eigenen Herzen", sagt Obama später in Dallas. Niemand sei völlig unschuldig, keine Institution völlig immun, "auch die Polizei nicht". Amerika müsse ehrlich zu sich selbst sein. Wenn Schwarze überall im Land über ihre Erfahrungen mit Rassismus klagten, wenn Studien zeigten, dass Schwarze häufiger im Gefängnis landen, höhere Strafen erhalten und weniger verdienten, dann dürfe man diese Erfahrungen nicht abtun. "Das tut weh."

Wer die Proteste ablehne und den Slogan Black Lives Matter nicht hören wolle, der solle sich hineinversetzen in den Schmerz der Angehörigen. Das Land erlaube es, dass ganze Gegenden verarmten, dass die Schulen dort unterfinanziert seien und Straßen dafür mit Waffen "geflutet" würden, so Obama. "Und dann verlangen wir von Schulen, Polizisten und Sozialarbeitern, damit umzugehen, ohne unbequem zu sein." Amerika könne nicht so tun, als gebe es für Vorfälle wie den in Dallas keinen Kontext.

Dann ruft Obama das Land zur Einheit auf. Vielleicht ist es das Einzige, was er tun kann. "Wir müssen auf derselben Seite stehen, sonst werden wir diesen Kreislauf niemals durchbrechen."