Die türkische Regierung geht nach gescheitertem Putsch weiter gegen Teile des Militärs und der Justiz vor. Die Zahl der Festnahmen stieg nach offiziellen Angaben auf rund 6.000. Diese Zahl werde sich noch erhöhen, sagte Justizminister Bekir Bozdağ laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. "Das juristische Verfahren geht weiter." Unklar blieb zunächst, wie viele der Festgenommenen aus den Reihen der Streitkräfte stammen und wie viele Zivilisten sind.

Am Samstag hatte Ministerpräsident Binali Yıldırım mitgeteilt, dass etwa 3.000 verdächtige Soldaten festgenommen worden seien. Fünf Generäle und 29 Oberste sind Regierungskreisen zufolge ihrer Posten enthoben. Darunter auch Ex-Luftwaffenchef Akin Öztürk, der bislang dem Obersten Militärrat angehörte. Aus Regierungskreisen wurde Öztürk als einer der mutmaßlichen Drahtzieher bezeichnet. Laut der Nachrichtenagentur DHA wurde auch ein Berater von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, Oberst Ali Yazici, festgenommen. Auch der Kommandeur der auch von der Bundeswehr genutzten türkischen Luftwaffenbasis Incirlik, General Bekir Ercan Van, soll nach Angaben aus Regierungskreisen festgenommen sein. 

Zudem wurden 2.745 Richter abgesetzt oder suspendiert – fast ein Fünftel der schätzungsweise rund 15.000 des Landes. Nach 140 Richtern und Staatsanwälten wird örtlichen Medien zufolge gefahndet. Mehrere türkische Medien berichteten, dass sie unter anderem der Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation beschuldigt würden. 

Kritiker von Präsident Erdoğan befürchten, er könne den Putsch nutzen, um die Rechte der Bürger und die Pressefreiheit weiter einzuschränken. Bei einer Rede in Istanbul hatte Erdoğan als Reaktion auf Forderungen seiner Anhänger nach der Einführung der Todesstrafe gesagt: "Dass jede Forderung bewertet, besprochen und diskutiert wird, ist in einem demokratischen Land ein Recht." Dieser Schritt dürfte allerdings das Ende der Beitrittsverhandlungen mit der EU bedeuten.

Karte: Putschversuch in der Türkei

Wo geschah was in den entscheidenden Momenten?

Der Putschversuch könnte Präsident Erdoğans Beliebtheit noch einmal gesteigert haben. Tausende Unterstützer feierten in der Nacht zu Sonntag in mehreren Städten des Landes die Niederschlagung des Staatsstreichs und sagten dem Präsidenten ihre Unterstützung zu.

Bei dem versuchten Umsturz wurden nach neuen offiziellen Angaben mindestens 290 Menschen – 190 regierungstreue Sicherheitskräfte oder Zivilisten und 100 Putschisten – getötet und mehr als 1.400 verletzt. Die Putschisten wollten nach eigenen Angaben Demokratie und Menschenrechte sowie die verfassungsmäßige Ordnung wiederherstellen.