Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse wird Mitte Oktober zum zweiten Mal der Raif Badawi Award verliehenen. Er soll das Bewusstsein wach halten für den Fall des saudischen Bloggers, der weiter im saudischen Gefängnis sitzt, weil er seine Meinung frei geäußert hat. Und der noch immer jederzeit damit rechnen muss, wieder ausgepeitscht zu werden. Der Preis soll zugleich die Aufmerksamkeit auf die vielen anderen schockierenden Beispiele von Repressionen lenken, die Journalisten in islamischen Ländern erleben – nur weil sie sich unter höchstem persönlichen Engagement und unter Lebensgefahr für das einsetzen, an das sie glauben: Freiheit.

Eine prominent besetzte Jury wird in den kommenden Wochen den Preisträger oder die Preisträgerin auswählen. Die ersten Nominierungen sind bereits erfolgt. Dazu gehören auch diese Journalistinnen und ihre beeindruckenden Geschichten:

Khadija Ismayilova (Aserbaidschan)

Wie gefährlich es ist, in autoritären Staaten die Machthaber zu kritisieren, und vor allem: investigativen Journalismus zu betreiben, erlebt Khadija Ismayilova immer wieder. "Aserbaidschans mutigste Journalistin", wie sie genannt wird, deckte unter anderem die korrupten Machenschaften der Familie um Präsident İlham Əliyev auf – und machte sich damit die Machthaber zum Feind. 2012 schoss der Geheimdienst heimlich Sexfotos von ihr und erpresste sie damit, sie öffentlich zu "entehren" – in der traditionellen aserbaidschanischen Gesellschaft eine einschüchternde Drohung. 2013 wurde sie festgenommen und zu "Sozialstunden" verurteilt: Sie sollte ihre "Strafe" als Straßenkehrerin abarbeiten. Unterstützer der Journalistin kündigten daraufhin an, ebenfalls Straßen reinigen zu wollen. 2014 kam sie schließlich ins Gefängnis und wurde erst im Mai 2016 wieder freigelassen. Aserbaidschans Presse ist eine der unfreiesten der Welt: Fast alle Radio- und Fernsehanstalten werden staatlich kontrolliert. Machthaber İlham Əliyev hat ein korruptes System der Vetternwirtschaft installiert, das gezielt Desinformation betreibt. Mit ihrem unerschrockenen Einsatz, Unrecht aufzudecken, ist Khadija Ismayilova ein Ausnahmebeispiel für mutigen Journalismus.

Liliane Daoud (Ägypten)

Die ägyptische Journalistin Liliane Daoud © David Degner/Getty Images

Sie ist eine der Journalisten-Ikonen Ägyptens. Ihre ONTV-Talkshow Al-Sura al-Kamila, auf Deutsch "Das ganze Bild", war eine Institution. Millionen verfolgten jeden Tag von Montag bis Freitag, wie Liliane Daoud mit Politikern, Wirtschaftsvertretern und einfachen Bürgern über den ägyptischen Alltag diskutierte. Bis Daoud und der Sender im Juni 2016 erklärten, dass das Format abgeschaltet wird. Die letzte kritische Polittalkshow Ägyptens geht damit zu Ende. Damit nicht genug, wurde Daoud kurz danach festgenommen und in Abschiebehaft genommen. Nur ihr Mobiltelefon durfte sie mitnehmen. Inzwischen wurde Liliane Daoud außer Landes gebracht und ist im Libanon untergekommen. Sie steht damit beispielhaft für die Situation des Journalismus unter dem Sissi-Regime: Gleichschaltung der Medien, Ausweisung unliebsamer Medien-Stimmen, Willkür. Die Nominierung der ausgesprochen populären Journalistin wirft ein Schlaglicht auf fortschreitende Unterdrückung von Freiheiten im größten Land der arabischen Welt.

Shammi Haque (Bangladesch)

Bloggerin Shammi Haque aus Bangladesch © Munir Uz Zaman/AFP/Getty Images

Ihr Name steht auf einer Todesliste der islamistischen Extremistenorganisation Ansarullah Bangla Team auf. Shammi Haque setzt sich in sozialen Netzwerken seit Jahren für Frauenrechte in Bangladesch ein. Viele Menschen in ihrer Heimat haben diese Arbeit bereits mit dem Leben bezahlt: Bengalische Blogger wurden in den vergangenen Jahren auf offener Straße mit Macheten und Fleischerbeilen zu Tode gehackt oder erstochen – mindestens angeheizt von den Islamisten. Auch Shammi Haque wurde verfolgt, bekam zunächst Polizeischutz und floh dann Ende 2015 nach Deutschland. Ihren Blog betreibt sie von hieraus weiter. Bangladesch ist eines der bevölkerungsreichsten islamischen Länder und kämpft schon lange mit zunehmendem islamistischen Extremismus. Junge, unabhängige Journalisten sind es, die in ihren Blogs und Artikeln auf die Situation im Land aufmerksam machen. Die Nominierung von Shammi Haque soll zeigen, dass der Mut dieser jungen Menschen für Freiheit in ihrem Land nicht unbemerkt bleibt.