Als Innenministerin Theresa May am Montagmorgen ihren Wahlkampf für die Nachfolge von Premierminister David Cameron eröffnete, konnte sie nicht ahnen, dass ihr das Amt nur zwei Tage später kampflos überreicht werden würde. In einer langen Rede ging die 59-Jährige auf die aus ihrer Sicht drängendsten Probleme des Landes ein: Sie sprach über die Wohnungsnot und über den Mangel an sozialer Gerechtigkeit. Sie forderte mehr Rechte für Arbeiter und Angestellte. Multinationale Konzerne sollten dazu gezwungen werden, Steuern zu zahlen; Schlupflöcher für Steuerflüchtlinge geschlossen werden.

Es waren erstaunliche Worte aus dem Mund einer Politikerin, die sich für den Vorsitz einer Partei bewarb, in der spätestens seit Margaret Thatcher Egoismus als Ausdruck von Willenskraft gefeiert wird. Doch May hat schon früh in einer Vielzahl von Fragen eine vergleichsweise liberale Haltung eingenommen: Seit ihrer Wahl zur Abgeordneten 1997 hat sie sich etwa dafür eingesetzt, das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen abzubauen. Auch hat sie versucht, mehr Frauen in die Politik zu bringen. Für die gleichgeschlechtliche Ehe hat sich May ebenfalls relativ früh eingesetzt. 2002 schreckte sie nicht davor zurück, ihren Parteikollegen in einer Rede unter die Nase zu reiben, dass viele Briten die Konservative Partei als nasty party betrachteten – als fiese Partei.

Doch May kann auch anders. Auf dem Parteitag der Tories im vergangenen Oktober hielt sie eine Rede, die selbst konservativen Beobachtern die Sprache verschlug. Syrische Flüchtlinge verdienten Unterstützung, sagte May – aber nicht diejenigen, die nach Europa gekommen seien, sondern jene in den Lagern im Nahen Osten. May kritisierte Merkels Entscheidung, Flüchtlinge nach Deutschland einreisen zu lassen und verteidigte die Position Londons, gerade einmal 5.000 von ihnen aufzunehmen. Und sie setzte noch einen drauf: Immigranten drückten Löhne, erklärte May, und Einwanderung führe zu "weniger Zusammenhalt" in der Gesellschaft.

Großbritannien - "Brexit bedeutet Brexit" Die britische Innenministerin und Anwärterin auf das Amt der Premierministerin Theresa May will das Referendum zum EU-Austritt anerkennen. Sie wolle das Land wieder vereinen, sagte May in Birmingham.

Der den Tories ansonsten wohlgesonnene Telegraph bezeichnete Mays Rede als "gefährlich und sachlich falsch". Ein Kommentator fasste den Inhalt so zusammen: "Einwanderer nehmen euch die Arbeitsplätze weg, machen euch ärmer und ruinieren das Land. Kümmert euch nicht um die Fakten, seid einfach wütend auf Ausländer. Und macht mich zur konservativen Parteichefin."

Gute May, fiese May?

Auf diesen offensichtlichen Widerspruch angesprochen, erklären Vertraute der Politikerin häufig, dass May nicht festgelegten ideologischen Vorstellungen folge. Stattdessen handele sie nach ihrem eigenen Moralkompass. Das habe damit zu tun, dass sie als Pfarrerstochter großgeworden sei. In einem im Guardian veröffentlichten Porträt beschreibt der konservativen Abgeordnete Eric Pickles May als hartnäckige und bisweilen sture Verhandlungspartnerin, die aber gut begründeten Argumenten gegenüber überraschend aufgeschlossen sein könne.

Das macht May im Hinblick auf die bevorstehenden Verhandlungen mit der EU ausgesprochen unberechenbar. So sprach sie sich im Vorfeld des Referendums zwar für einen Verbleib in der EU aus, trat danach aber kaum noch in Erscheinung. Nach dem Leave-Votum schlug sich May schnell auf die Seite der Brexit-Befürworter – und das mit Wucht. Am Montag stellte sie dann erneut klar: "Brexit bedeutet Brexit". Sie werde " als Premierministerin sicherstellen, dass wir die Europäische Union verlassen". Hat sie den Seitenwechsel aus Kalkül vollzogen? Oder weil sie ihre Meinung geändert hat?

Auch mit ihrer harten Haltung gegenüber in Großbritannien lebenden EU-Bürgern hat May in den vergangenen Tagen Kritik auf sich gezogen. Im Gegensatz zu den anderen Kandidaten für den Posten des Premierministers hat sich May geweigert, ein Bleiberecht zu garantieren. Über dieses müsse mit der EU verhandelt werden wie über alles andere, erklärte sie kühl. Dass sie damit womöglich Hunderttausende Menschen in existenzielle Ängste stürzt, scheint sie moralisch in Ordnung zu finden.

"Vorgezogene Neuwahlen? Her damit!"

Dass nun eine Remain-Befürworterin das Steuerrad über den Brexit in die Hand nimmt, werten viele Beobachter als Zeichen dafür, dass May die zerstrittene Partei schnell hinter sich einen könnte. Ob es nun, da der monatelange Wettstreit um das Premierministeramt wegfällt, mit dem Brexit schneller als erwartet vorangehen könnte, ist jedoch unklar. Eigentlich hat May erklärt, sie werde den Artikel 50 des EU-Vertrages über einen Austritt Großbritanniens erst dann aktivieren, wenn sie sich weitreichende Zusagen der EU gesichert hat. Sollte sie daran festhalten, wäre Ärger programmiert: Bundeskanzlerin Merkel etwa hat kurz nach dem Referendum erklärt, dass sie bei den Brexit-Verhandlungen keine "Rosinenpickerei" zulassen werde. Niemand könne erwarten, dass mit dem EU-Austritt Pflichten entfielen, aber Privilegien – wie der Zugang zum europäischen Binnenmarkt – bestehen blieben.

Auch in London droht May Ärger. Denn schon jetzt fordert die Opposition von ihr vorgezogene Neuwahlen. Der führende Labour-Politiker Jon Trickett erklärte, dass das Land einen "demokratisch gewählten Premierminister" haben müsse. Auch Liberaldemokraten und Grüne schlossen sich dieser Forderung an. Doch May hat bereits vor wenigen Tagen klargestellt, dass sie keine Wahlen ausrufen wird. Vorgezogene Neuwahlen würden die Instabilität erhöhen. Es solle frühestens 2020 wieder Wahlen geben.

Vor einigen Jahren hat es einen ähnlichen Streit gegeben: 2007 hat Tony Blair das Amt des Premierministers an Gordon Brown übergeben. Die damalige Schattenministerin für Frauen warf daraufhin Brown vor, er sei nicht demokratisch legitimiert. Sie erklärte: "Vorgezogene Neuwahlen? Her damit!" Ihr Name: Theresa May.

Offenbar hat sie ihre Meinung zu dem Thema seitdem geändert.