Vor 20 Jahren wäre das noch unvorstellbar gewesen: Ein türkischer Militärhubschrauber vom Typ Black Hawk dringt ohne Genehmigung in den griechischen Luftraum ein. Jetzt geschah es in jener Nacht, in der Teile des Militärs in der Türkei einen Putsch versuchten. Der Pilot gibt über Funk an, technische Probleme mit der Maschine zu haben und bittet um Landeerlaubnis. Kurze Zeit später steigen acht türkische Soldaten auf dem Flughafen der nordgriechischen Grenzstadt Alexandroupoli aus dem Hubschrauber aus und beantragen politisches Asyl.

Der Vorfall hat umgehend zu diplomatischen Spannungen zwischen den beiden Nachbarländern geführt, deren Beziehungen sich nach jahrzehntelanger Feindschaft beinahe normalisiert haben. Noch am Samstagabend, also am Tag nach dem Putsch, meldete sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras telefonisch und forderte so schnell wie möglich eine Auslieferung der "acht Verräter", wie sie die türkische Regierung inzwischen nennt. Sie wirft den Soldaten vor, am Putsch beteiligt gewesen zu sein.

Der Pilot der Maschine und die anderen Insassen haben bereits Rechtsbeistand in Griechenland erhalten und verbreiten über ihre drei Anwälte eine andere Version der Ereignisse. Schließlich müssen sie sich ab Donnerstag einem beschleunigten Gerichtsverfahren stellen, denn auch die griechische Staatsanwaltschaft erhebt einen Vorwurf: unerlaubtes Eindringen in den griechischen Luftraum. Die türkischen Soldaten sitzen deshalb in Untersuchungshaft.

"Die Soldaten befinden sich in einer Notsituation", sagte ihre Anwältin Menia Polychroni der Zeitung Kathimerini. "Sie haben angegeben, nicht am Putsch beteiligt gewesen zu sein." Zusammen mit zwei weiteren Hubschraubercrews hätten sie den Befehl gehabt, Verletzte aus den Straßen in Istanbul zu bergen, berichtete Polychroni weiter. Ohnehin handele es sich nicht um Kampf-, sondern um Transport- und Rettungshubschrauber. "Plötzlich wurden sie von der türkischen Polizei beschossen und erst dann haben sie gemerkt, dass etwas vorgefallen ist." Als die anderen beiden Maschinen zerstört worden seien, hätten sie um ihr Leben gefürchtet und seien nach Griechenland geflüchtet.

Die Entscheidung des Gerichts in Alexandroupoli läuft aber unabhängig von dem Gesuch nach Asyl, das die griechischen Behörden nun prüfen. Dies werde unter "vollem Respekt des internationalen Rechts und der Menschenrechte" geschehen, hieß es aus Athener Regierungskreisen, und könne mehrere Wochen dauern. Zuvor hatte die Regierung in Ankara verbreitet, dass bereits über eine Ausweisung der türkischen Soldaten entschieden sei. Aus Athen hieß es aber nun, dass man sich nicht aus der Türkei unter Druck setzen lassen werde. Auch wenn man die guten Beziehungen zum Nachbarstaat nicht gefährden möchte.

Die Flüchtlingsfrage macht Athen abhängig von Erdoğan

Ein Auslieferungsabkommen zwischen den beiden Staaten besteht nicht. Das bedeutet, dass nur auf Antrag der türkischen Regierung die beschuldigten Soldaten ausgeliefert werden können. Obwohl die Entscheidung zunächst bei den Asylbehörden liegt, lässt die Regierung in Athen erkennen, wie sie die Sache sieht. "Dem Auslieferungsantrag aus der Türkei liegt ein starkes Argument zugrunde", sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Dimitris Vitsas. "Jeder hat das Recht auf ein faires Verfahren, aber niemand hat das Recht dazu, mit Waffen die Macht an sich zu reißen."

Klar ist nämlich auch, dass besonders Griechenland in der Flüchtlingsfrage abhängig von Präsident Erdoğan ist. Erst seitdem das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei in Kraft ist, landen nicht mehr täglich Hunderte Flüchtlinge auf Schlauchbooten auf den griechischen Inseln. Die türkischen Behörden hindern die Menschen schon an der Küste daran, sich auf den Weg über das Meer zu machen. Damit hat die Regierung von Alexis Tsipras eines von vielen Problemen weniger.

In Griechenland ist man insgesamt sehr daran interessiert, dass die Türkei stabil und verlässlich bleibt, vor allem was die Situation im Militär angeht. Trotz der verbesserten Beziehungen kam es auch in den letzten Jahren über der Ägäis immer wieder zu Abfangmanövern der beiden Luftstreitkräfte. Und darüber hinaus, so munkelt man in griechischen Diplomatenkreisen, könne man sich auf eine neue Art von Flüchtlingen einstellen, sollte es mit der Demokratie in der Türkei so weitergehen wie bisher: Dissidenten, Journalisten, Oppositionelle. Schließlich sei Griechenland – trotz seiner schweren Wirtschaftskrise – im Vergleich zur Nachbarschaft im Nahen Osten geradezu ein Anker der Stabilität für die Region.