Taksim, Freitagnacht. Wie immer treffen sich junge Menschen in Bars und Restaurants im Herzen Istanbuls; Touristen probieren Raki und Kebab. Das Brummen tieffliegender Hubschrauber stört kaum jemanden. Seit Istanbul von mehreren Anschlägen erschüttert wurde, gehört Polizeipräsenz auf den Straßen und in der Luft zum Stadtbild.

Noch merkt niemand, dass nicht die weißen Polizeihubschrauber über das Zentrum kreisen, sondern die tarnfarbenen Helikopter des Militärs. Es heißt, die Bosporus-Brücken sind geschlossen; vermutlich eine Terrordrohung, denken die Feiernden.

Erst als Fernsehbilder Panzer auf den Brücken und Straßen zeigen, wird langsam klar, was passiert. "Ein Coup?" fragt ein Mann. Seine Freunde lachen: ein Militärputsch, das ist etwas aus einer längst vergangenen Zeit, schließlich erfolgte der letzte 1997. Doch dann marschiert eine Truppe junger Soldaten auf den Taksim-Platz und sperrt ihn ab.

Karte: Putschversuch in der Türkei

Wo geschah was in den entscheidenden Momenten?

Einige reagieren mit Panik: Eltern mit Kindern auf den Schultern rennen in den Seitenstraßen, lange Schlangen bilden sich vor den Geldautomaten im Szeneviertel Cihangir. Andere applaudieren dem Militär: "Das ist dein Ende, Erdoğan", ruft ein Mann und prostet den Soldaten zu.

"Unsere Regierung ist so schlecht, so etwas musste kommen," sagt Murat, der mit einer Bierflasche in der Hand dem Geschehen auf dem Taksim-Platz zusah. "Ich weiß nicht, ob ich glücklich über einen Putsch bin, aber schlimmer kann’s ja nicht werden."

Murat war in der Minderheit an diesem Abend. Recep Tayyip Erdoğan und seine demokratisch gewählte Regierung mögen die türkische Demokratie in den letzen Jahren geschwächt haben, aber nicht einmal seine schärfsten Gegner wollten ihn durch eine Militärjunta ersetzt sehen. Am Freitagabend entschied sich die Türkei, für ihre Demokratie zu kämpfen.

Regierung und Opposition vereint gegen den Putsch

Regierungspolitiker riefen Bürger auf, ihre Demokratie zu verteidigen. Noch vor Mitternacht übernahm eine Masse von Anti-Putsch-Demonstranten den Platz und schrie auf die eingeschüchterten Soldaten ein: "Geht nach Hause!" Die Menschen schwenkten Nationalfahnen; viele von ihnen riefen "Allahu Akbar" und sangen Erdogans Wahllied.

Nicht nur Erdoğans Unterstützer verurteilten den Putschversuch. Alle Oppositionsparteien des sonst so gespaltenen Landes — von der kurdischen HDP zur nationalistischen MHP — wendeten sich gegen die Verschwörer.

Trotz Scheiterns wird der Putsch Konsequenzen haben

Tausende Demonstranten fluteten Istanbuls Atatürk-Flughafen, der von Panzern umstellt war, und empfingen Erdoğan dort mit enthusiastischem Applaus. Andere kletterten auf Militärfahrzeuge und halfen Polizisten, die putschenden Soldaten festzunehmen.

Auf dem Taksim-Platz sind Schüsse zu hören, aber Istanbul bleibt friedlicher als Ankara, wo Militärflugzeuge das Parlamentsgebäude bombardierten. "Es wird gut enden", versprach Erdoğan um vier Uhr früh. Der Präsident behielt Recht: Bei Sonnenaufgang kapitulierten die Soldaten auf der Bosporus-Brücke.

Doch der Putschversuch wird wohl trotz seines Scheiterns schwerwiegende Folgen für die türkische Demokratie nach sich ziehen. Amnesty International reagierte alarmiert auf die Ankündigung des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım, der die Wiedereinführung der Todesstrafe prüfen will.

Erdoğan wird noch entschlossener gegen seine Gegner vorgehen

Für Erdoğan sind die Bilder des Massenaufstands gegen die Verschwörer ein Beweis dafür, wie sehr das Land seine Regierung unterstützt. Wie vor einem Jahr, als der Konflikt mit der PKK erneut begann, kann er nun die kollektive Sicherheit des Landes als Argument für sein langersehntes Präsidialsystem nutzen.

Auch gegen seine Gegner wird Erdoğan vermutlich noch entschlossener vorgehen. Schon am Samstagnachmittag begann die Jagd auf vermeintliche Putsch-Unterstützer: Mehr als 2.700 Richter wurden suspendiert.