Das Militär macht in der Türkei seit Jahrzehnten auch Politik, im Zweifel mit Gewalt. Dieses Mal aber putschte nicht die gesamte Militärführung. Wichtige Generäle verhielten sich loyal zur türkischen Regierung und sorgten so wohl mit dafür, dass der geplante Staatsstreich schnell scheiterte.

Ohne die Armee hätte der Offizier Mustafa Kemal Atatürk 1923 nicht die türkische Republik gründen können. Bis heute betrachtet sich das Militär daher als Wächter der kemalistischen Prinzipien, vor allem der von ihm in der Verfassung verankerten Trennung von Religion und Staat. Soldaten griffen seit 1960 bereits drei Mal ein, um diese Trennung durchzusetzen und islamische Regierungen abzusetzen, ein viertes Mal drohten sie der Regierung und stellten ihr ein Ultimatum. Allerdings scheint der Einfluss des Militärs auf den türkischen Staat seit den neunziger Jahren abzunehmen, die Macht der islamischen Bewegung zu wachsen.

Zuletzt hatte das Militär 2007 versucht, politisch einzugreifen. Die Armee wollte verhindern, dass der AKP-Politiker Abdullah Gül zum Staatspräsidenten gewählt wird. Doch die islamisch-konservative AKP gewann die Parlamentsneuwahlen und setzte Gül als Staatschef durch. Zum ersten Mal war damit ein Mitglied der islamischen Bewegung an der Spitze des Staates.

In den vergangenen zehn Jahren wurde die Macht des Militärs weiter zurückgedrängt. Viele Generäle wurden vor Gericht gestellt – die Regierung Erdoğan warf ihnen vor, Teil eines geheimen Netzwerks zu sein, das einen Umsturz plane. Der Putsch vom Freitag scheiterte wohl auch, weil die Putschisten nicht wie erhofft die Unterstützung der übrigen Armee fanden und nicht genug Soldaten hatten, um wichtige Punkte in den Städten zu besetzen und zu halten.

Wer ihn plante, ist bislang unklar. Allerdings veröffentlichte die linke türkische Tageszeitung Evrensel eine Liste mit 34 Generälen, die anschließend als Putschisten festgenommen worden sein sollen. Die Tageszeitung Hürriyet veröffentlichte eine ähnliche Liste. Andere Quellen sprechen von bis zu 40 Generälen, die nun vor Gericht gestellt werden sollen. Anhand der Funktion der Festgenommenen lässt sich erkennen, dass vor allem die Luftwaffe, Teile der Panzertruppe, der Marine und der Gendarmerie an dem Umsturzversuch beteiligt waren.

War die Luftwaffe das Zentrum?

Das Zentrum scheint dabei die Luftwaffe gewesen zu sein. Eine der Basen der Putschisten war der Luftwaffenstützpunkt Akıncı, nordwestlich von Ankara. Dort sind vor allem Ausbildungseinheiten und F-16-Jagdflugzeuge stationiert. Nach Akıncı brachten die Putschisten den Chef des türkischen Generalstabes, Hulusi Akar. Sie hatten ihn im Hauptquartier des Generalstabes in Ankara gefangen, nach Akıncı geflogen und hielten ihn dort fest.

Karte: Putschversuch in der Türkei

Wo geschah was in den entscheidenden Momenten?

Eine weitere Basis scheint der Luftwaffenstützpunkt Diyarbakır in Anatolien gewesen zu sein. Von dort sollen die sechs F-16 der Putschisten gestartet sein, die über Istanbul und Ankara geflogen waren. Auf dem Stützpunkt wurden nach Angaben der Regierung anschließend ungefähr 100 Putschisten festgenommen.

Nach dem gescheiterten Putsch wurde außerdem Akın Öztürk festgenommen. Der ehemalige General war bis zu seiner Entlassung von 2013 bis 2015 Oberkommandierender der Luftstreitkräfte. Er soll den Putsch geplant und den Befehl zum Start gegeben haben, berichten verschiedene Medien wie der Tagesspiegel. Öztürk war nach seiner Entlassung aus dem Luftwaffenkommando noch Mitglied im einflussreichen Militärrat, sollte jedoch Ende August in Pension versetzt werden.

Neben der Luftwaffe waren auch Teile des Heeres beteiligt. Der Kommandeur der Zweiten Armee, General Adem Huduti, und der Kommandeur der Dritten Armee, Generalleutnant Erdal Öztürk, gehören laut der türkischen Zeitung Sabah zu den Verschwörern, die anschließend festgenommen wurden. General Memduh Hakbilen, Stabschef des Ägäis-Kommandos, soll ebenfalls festgenommen worden sein.

Drei der vier Armeen beteiligt

Damit wären die Spitzen von drei der vier Armeen des türkischen Heeres beteiligt gewesen. Doch die wichtigste Einheit, die in Istanbul stationierte Erste Armee, weigerte sich. Sie gilt als prestigeträchtigste. Auch die Befehlshaber der Spezialeinheiten und die Polizei beteiligten sich nicht an dem Umsturzversuch.

Die Planer scheinen auch nicht damit gerechnet zu haben, dass sich die türkische Bevölkerung gegen sie wenden könnte. Bei bisherigen Militärputschen war die Bevölkerung auf der Seite der Armee. Sie galt als gut ausgebildet und unbestechlich. Dieses Mal aber rief Präsident Recep Tayyip Erdoğan seine Anhänger dazu auf, gegen die Soldaten auf die Straße zu gehen und viele folgten dem Aufruf. Es gibt diverse Fotos, auf denen sich Menschen vor die Ketten der Panzer legten, ja, die Soldaten angriffen und zusammenschlugen.

Spiegel Online zitiert einen Istanbuler Politikwissenschaftler mit der Einschätzung, der Coup sei schlecht geplant und überhastet gewesen. Er sieht demnach darin eine "Kamikaze-Aktion" einer kleinen Gruppe frustrierter Militärführer. Andere Medien beurteilen das ähnlich und glauben, die Verschwörer seien vor allem Offiziere, die im Rahmen des geplanten Umbaus der Militärführung abgesetzt werden sollten oder bei Beförderungen übergangen wurden.

Die beteiligten Soldaten wurden offenbar zum Teil unter falschen Angaben zu dem Einsatz befohlen. Man habe ihnen gesagt, es sei eine Übung, berichteten mehrere.