"Wollt Ihr einen Präsidenten, der Müll redet, oder eine Präsidentin, die Brücken baut?", fragte Tim Kaine in seiner ersten Rede als demokratischer Kandidat für den Posten des Vizepräsidenten. Es war ein umjubelter Auftritt vor den Parteianhängern der Demokraten. Und eine Feuertaufe für den frisch ernannten Vizekandidaten Kaine, der ab jetzt gemeinsam mit der Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton im Wahlkampf steht. Zwei Tage vor Beginn des Nominierungsparteitags der Demokraten – ab Montag kommen die Delegierten für vier Tage in Philadelphia zusammen – ist Kaine aber schon im Wahlkampfmodus. "Da sollten die Alarmglocken schrillen", sagte Kaine, als er über Trump und seine vermeintliche Position des "Nur-ich-kann-Amerikas-Probleme-lösen" spricht. "So geht das nicht in der Demokratie."

Der 58-jährige Jurist ist in vielfacher Hinsicht ein Antipode des Mannes, den er zusammen mit der Ex-Außenministerin im November besiegen soll. Kaine macht kein Aufhebens um sich, vertritt moderate Ansichten und kommt auch mit politischen Gegnern gut zurecht – größer könnte der Kontrast zu Trump und Pence kaum sein.

Das weiß auch das Wahlkampfteam um Clinton und Kaine. Beide werden sich deshalb in den kommenden Monaten als gemäßigte, vernunftgesteuerte Alternative zum Republikaner Donald Trump präsentieren. Sie wollen ihn als unversöhnlichen und streitlustigen Politiker mit despotischen Tendenzen entlarven – und gleich am Samstag hatte Kaine damit begonnen. Clinton sei "das genaue Gegenteil von Donald Trump", rief er dem Publikum zu. "Sie beleidigt die Menschen nicht, sie hört ihnen zu." Auch die frühere Außenministerin und First Lady macht klar, warum sie sich für den Mann aus Virginia als ihren möglichen Vize entschieden hat: "Senator Tim Kaine ist alles, was Donald Trump und Mike Pence nicht sind", sagte sie.

Ein Katholik mit flüssigem Spanisch

Kaine galt bei vielen politischen Beobachtern schon lange als Top-Favorit für den Job – wegen seiner langjährigen politischen Erfahrung, seiner verbindlichen und kooperativen Art sowie seiner Verwurzelung in einem wichtigen Bundesstaat. Bei ihrer Bekanntgabe via Twitter beschrieb Clinton ihn zunächst als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Der Senator sei "ein Mann, der sein Leben dem Kampf für andere gewidmet hat", heißt es in dem Tweet. "Er ist ein unerschütterlicher Optimist, der kein Problem für unlösbar hält."

Doch der frühere Gouverneur von Virginia soll die Wähler gleich in mehrfacher Hinsicht überzeugen: Als Mann der Mitte und progressiver Katholik soll er moderate Republikaner und parteiunabhängige Wähler ansprechen. Aus seiner Arbeit in Virginia bringt Kaine gute Beziehungen zur afroamerikanischen Gemeinde mit. Zudem besitzt er eine Fähigkeit, die ihm vor allem beim Werben um die wichtige Wählergruppe der Latinos helfen soll: Er spricht fließend Spanisch, hatte es als junger Mann während eines Helferjahres in einer katholischen Missionsstation in Honduras gelernt. Nun erleichtert es ihm – und Clinton – den Kontakt zur Latino-Wählerschaft. 

Aufgewachsen in Kansas City im Mittelweststaat Missouri, wo er in der Schweißerwerkstatt seines Vaters aushalf, landete er schließlich an der berühmten Harvard Law School und lernte dort auch seine Frau kennen, die Tochter eines Ex-Gouverneurs von Virginia. Dort fand das Paar seine Heimat, Kaine arbeitete als Bürgerrechtsanwalt und spezialisierte sich dort auf Diskriminierungen im Wohnungswesen.

Ein Mann als Trump-Kontrastprogramm

Seine politische Laufbahn begann im Stadtrat von Richmond, dessen mehrheitlich afroamerikanischen Mitglieder ihn einige Jahre später zum Bürgermeister wählten. Danach folgte der Aufstieg zum Gouverneur. Zum Amtsantritt von Präsident Barack Obama, mit dem ihn ein persönliches Verhältnis verbindet und der ihn seinerzeit als Vizepräsidenten in Betracht gezogen hatte, wurde Kaine schließlich Vorsitzender der Demokratischen Partei. Vor vier Jahren wurde er dann in den Senat gewählt, wo er sich auf die Außen- und Sicherheitspolitik spezialisierte.

Kaine gilt als bodenständige Senator, der bei Wahlkampfauftritten schon mal Mundharmonika spielt und gerne wandert. Zugleich vertritt er einen Bundesstaat, der bei der Präsidentenwahl eine wichtige Rolle spielen könnte. Virginia gilt als swing state, als Staat auf der Kippe zwischen Demokraten und Republikanern.

So sehr ist Kaine der Nice Guy, dass die Washington Post im Vorfeld seiner Ernennung bereits fragte, ob er nicht viel zu nett für diesen Wahlkampf sei. Doch Clinton setzt darauf, dass viele Wähler die verbindliche Art ihres Vize als wohltuenden Kontrast zum aggressiven Trump empfinden werden. Sie ist offensichtlich bereit, die Abteilung Attacke größtenteils selbst zu übernehmen.

Der dreifache Vater zieht allerdings nicht unbelastet in den Wahlkampf mit Clinton. Aus seinen Amtszeiten in Virginia hängt ihm an, dass er teure Geschenke von Geschäftsleuten angenommen hat, darunter Kleidung und einen Karibikurlaub. Dies alles war zwar nicht illegal, könnte Trump und Pence aber Wahlkampffutter liefern.