Das wird ein Schaulaufen für Hillary Clinton. Endlich einmal, wird sie sich denken. Nach dem langen, ärgerlichen Vorwahlkampf gegen Bernie Sanders kann sich die 69-Jährige jetzt vier Tage feiern lassen. Verdrängen wird sie die neuesten Enthüllungen von WikiLeaks, aus denen hervorgeht, dass der Parteivorstand ihre Kandidatur von Anfang an bevorzugte. Stattdessen werden Luftballons in blau, weiß und rot auf Clinton und die Delegierten segeln, Popmusik wird ausgelassene Stimmung suggerieren, Sanders wird winken, Barack und Michelle Obama für sie klatschen und Bill Clinton sowieso. Übliches Parteitagsprogramm, bevor es dann in den Sporthallen und Schulcafeterien von Ohio bis Texas in den Wahlkampf gegen Donald Trump geht.

Noch mehr als die wohlklingende Politprominenz aus dem Weißen Haus wird Clinton im Wahlkampf eine Frau helfen können, die auf dem Parteitag in Philadelphia keinen Platz als Hauptrednerin am Abend bekommen hat: Elizabeth Warren.

Die Harvard-Professorin aus Boston ist seit 2012 Senatorin für Massachusetts. Die schmale Frau mit praktischem Kurzhaarschnitt und dezenter Brille ist intelligent, links, eine langjährige Kritikerin der Wall Street und der Einkommensungerechtigkeit – und sie kennt sich mit selbstbezogenen Männern aus.

Im Wahlkampf um den Sitz im Senat trat Warren im Sommer 2012 gegen Scott Brown an. Der Republikaner gewann als Student in den 1980ern den "America’s Sexiest Man"-Wettbewerb der Zeitschrift Cosmopolitan, posierte nackt fürs Fotoshooting und sprach Warren im Wahlkampf penetrant ausschließlich mit "Professor Warren" an, um sie als langweilig, besserwisserisch und abgehoben von der Mittelschicht darzustellen. Warren beeindruckte das nicht. Sie blieb sachlich, punktete mit ihrer Kompetenz und schlug Brown in dem teuersten Wahlkampf, den es in den USA je um einen Posten im Senat gegeben hat.

Konsequenz und Kampfgeist

Die 67-jährige Juristin mag nicht die extrovertierteste und charismatischste Politikerin sein, aber sie ist beliebt und zeigt Konsequenz und Kampfgeist, wenn es um ihre Themen geht. Sie war es, die schon 2007 den Vorschlag machte, ein Consumer Financial Protection Bureau zu schaffen, eine Verbraucherschutzbehörde für Finanzfragen. Drei Jahre später richtete Präsident Obama sie ein.

Im Vorwahlkampf hielt sie sich lange zurück, politisch näher ist Warren sicherlich Bernie Sanders. Clinton und sie sind eher politische Weggefährten als Freunde, aber Clinton weiß um Warrens Stärke und was ihre Unterstützung gerade im linken Flügel der Partei für einen Einfluss hat. Nachdem Warren Anfang Juni dem Boston Globe sagte, sie werde Clinton unterstützen und mit dafür sorgen, "dass Donald Trump nicht einmal in die Nähe des Weißen Hauses" gelangt, galt die Senatorin als eine der Topfavoriten für den Platz des Vizes an Clintons Seite. Den nimmt nun Tim Kaine ein, der freundlich zur Wall Street ist – gut, um Großspender nicht zu verprellen – und den Beobachter als Mr. Nice Guy beschreiben.