ZEIT ONLINE: Nach Polizisten, Soldaten und Lehrern geraten in der Türkei nun auch Wissenschaftler zunehmend unter Druck. Sie wurden mit einem Ausreiseverbot belegt.

Politologe: Ich wusste, dass nach dem Putschversuch etwas auf uns zukommen würde. Nur, dass es so schnell geht, hätte ich nicht erwartet. Es ist irre, wie viele Leute innerhalb weniger Tage suspendiert, verhaftet oder in anderer Form drangsaliert wurden. Es scheint fast, als wäre der gescheiterte Putsch für Präsident Recep Tayyip Erdoğan das, was für die Nazis der Reichstagsbrand 1933 war. Er schaltet seine Gegner nun kurzerhand aus. Auch die Akademiker, die im Januar die Friedenspetition unterschrieben haben, werden sicher unter Druck geraten. Obwohl wir den Putschversuch absolut verurteilen.

ZEIT ONLINE: Der Reichstagsbrand ist ein heftiger Vergleich. In seiner Folge glitt Deutschland in sein dunkelstes Zeitalter ab. Befürchten sie das etwa auch für die Türkei?

Politologe: Ich glaube, dass die Situation hier immer schlimmer werden wird. Hitler hat sich nach dem Reichstagsbrand mit dem Ermächtigungsgesetz über die Verfassung gestellt. Erdoğan hat durch den von ihm verhängten Ausnahmezustand auch die Möglichkeit, einschneidende Entscheidungen im Schnellverfahren an der Justiz vorbei zu fällen. Nach einiger Zeit wird sich der Fokus der Regierung von den Gülenisten zu all den anderen Gruppen verschieben, die Erdoğans Politik nicht gutheißen. Wir als kritische Wissenschaftler werden dazugehören.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig sagen Sie, dass Sie den Putschversuch verurteilen.

Politologe: Der Putschversuch stellte uns vor ein Dilemma: Ein Juntaregime des Militärs, dessen schreckliche Konsequenzen wir in der Türkei nur zu gut kennen. Oder das, was sich zu einem totalitären System entwickeln dürfte. Natürlich, als die türkische Bevölkerung den Putsch niederschlug, hat sie sich eigentlich für die Demokratie entschieden. Aber Demokratie war keine Option. Die Menschen konnten nicht kontrollieren, wie es nach dem Putschversuch weitergeht. Leider hat der versuchte Putsch Erdoğan einen Vorwand geliefert, seine Gegner nun mit wenigen Handstreichen auszuschalten.

ZEIT ONLINE: Die AKP-Anhänger sehen das anders. Sie feiern sogenannte Demokratiepartys auf den Straßen.

Politologe: Ein totalitäres System beruht auf Popularität in der breiten Bevölkerung, sie verleiht ihm Legitimität. Die Unterstützung der Masse garantiert allerdings keine demokratischen Verhältnisse. Totalitäre Systeme sind auch deshalb so gefährlich, weil sie lange nur schwer zu erkennen sind. Irgendwann ist es dann zu spät. Die Menschen, die nun in den Straßen feiern, sind übrigens auch nicht selbstständig oder spontan rausgegangen. Sie folgten einer Anweisung von Erdoğan persönlich. Sie sind immer noch draußen, weil die Anweisung jeden Tag aufs Neue gegeben wird. Sie werden auch wieder nach Hause gehen, wenn man sie dazu auffordert.