Die Taliban gewinnen im Norden Afghanistans weiter Gebiete. Die radikalislamischen Kämpfer haben einen strategisch wichtigen Bezirk im Nordosten der Provinz Kundus erobert. Dazu hätten sie die Verwaltung des Bezirks in Chanabad aus verschiedenen Richtungen angegriffen, sagte der Polizeisprecher der Provinz, Mohammadullah Bahedsch. Talibanvertreter Sabihullah Mudschahid bestätigte, dass die Aufständischen den Bezirk eingenommen und Waffen sowie Militärfahrzeuge beschlagnahmt hätten. Die afghanischen Sicherheitskräfte planen laut Bahedsch nun einen Einsatz, um das Gebiet zurückzuerobern.

Chanabad verbindet Kundus mit anderen Provinzen im Norden Afghanistans. Doch nicht nur dort gibt es derzeit wieder schwere Gefechte zwischen Taliban und afghanischen Sicherheitskräften. Erst vor wenigen Tagen hatte die Terrormiliz einen Bezirk in der Nachbarprovinz Baglan erobert. Bereits 2015 hatte sie die gleichnamige Hauptstadt der Provinz Kundus eingenommen. Afghanische Sicherheitskräfte konnten sie mit einer Gegenoffensive jedoch wieder zurückdrängen.

Afghanische Politiker befürchten, dass sich das Szenario wiederholen könnte. Der Vorsitzende des Provinzrats von Kundus, Mohammad Jusuf Ajubi, warnte, dass die Taliban die Stadt Kundus wie im vergangenen Jahr überrennen würden, falls die Zentralregierung in Kabul nichts unternehmen würde. Schon jetzt bedrohten sie einige Gebiete in der Nähe der Provinzhauptstadt. Hunderte Zivilisten seien bereits vor den Kämpfen auf der Flucht, sagt Ajubi.

Seit 2014 hat sich die Sicherheitslage massiv verschlechtert

Afghanische Sicherheitskräfte kämpfen derzeit in mindestens 15 der 34 Provinzen des Landes gegen die Taliban, teilte das Verteidigungsministerium mit. Nicht nur im Kundus und Baglan, sondern auch in den Provinzen Helmand im Süden und Nangarhar im Osten gibt es heftige Kämpfe. In der Hauptstadt Kabul wurde am Samstag laut Polizeiangaben ein Soldat durch eine an seinem Fahrzeug befestigte Bombe getötet.

In der umkämpften Provinz Kundus trug die Bundeswehr jahrelang die Verantwortung bevor sie sie 2013 an einheimische Sicherheitskräfte übergab. Kundus und Baghlan gelten als die gefährlichsten Einsatzorte deutscher Truppen. Bei Kämpfen und Anschlägen in den beiden Provinzen wurden mehr als 20 deutsche Soldaten getötet. 

Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes 2014 massiv verschlechtert. Die Taliban halten inzwischen mehr Gebiete als je zuvor seit ihrem Sturz 2001. Erst kürzlich hatte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg bestätigt, dass die Soldaten des Militärbündnisses mit der Ausbildungs- und Beratermission Resolute Support bis 2017 in Afghanistan stationiert bleiben.