Die syrische Armee soll bei einem Luftangriff in Aleppo Giftgas eingesetzt haben. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, handele es sich um ein Kriegsverbrechen, sagte der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura. Es gebe viele Hinweise, dass ein Giftgasangriff stattgefunden habe, die nun von Experten geprüft würden.

Nach Angaben eines Krankenhauses sollen bei dem Angriff auf ein von Rebellen gehaltenes Viertel mindestens vier Menschen getötet worden sein. Weitere 55 hätten Verletzungen der Atemwege erlitten, sagte der Chef des Al-Kuds-Hospitals, Hamsa Chatib. Die Behälter mit dem Gas, bei dem es sich vermutlich um Chlor handele, seien am Mittwoch zusammen mit Fassbomben abgeworfen worden. Chatib sagte, er habe Kleidungsstücke und Bombenteile als Beweismittel aufgehoben.

Der Syrische Zivilschutz, ein unparteiischer Rettungsdienst aus Freiwilligen, verzeichnete nach eigenen Angaben drei Tote und 22 Verletzte durch einen Gasangriff auf das Viertel Subdija, das unter Kontrolle der Rebellen ist. Auch die Helfer gehen davon aus, dass es sich um Chlor handele. Die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von Hubschraubern, die Fassbomben abgeworfen hätten. Eine Mutter und ihr Kind seien erstickt.

Syrische Truppen hatten vor knapp drei Jahren im Bürgerkrieg bereits Chemiewaffen eingesetzt. Die USA drohten mit Luftangriffen, woraufhin die Regierung von Präsident Baschar al-Assad der Vernichtung aller Chemiewaffen und Produktionsstätten zustimmte – überwacht von Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW). Chlor ist zwar giftig, gilt aber nicht als Chemiewaffe. Sein Einsatz als Waffe ist nach internationalem Recht verboten. Die OPCW beklagte in den vergangenen Monaten jedoch immer wieder den Einsatz von Sarin, Senfgas und Chlorgas in Syrien. Aktivisten kritisierten, dass die OPCW die Urheber der Angriffe nicht klar benenne; das entspricht jedoch ihrem Mandat.

Einige Teile Aleppos werden von den Rebellen gehalten, andere sind in der Hand der Regierungstruppen. Trotz einer durch Russland angekündigten Feuerpause wurde auch am Donnerstag gekämpft. Seit Freitag versuchen Rebellenmilizen mit einer Offensive, den Belagerungsring der Regierungstruppen um den Osten der Stadt zu durchbrechen. Dort sollen noch rund 300.000 Menschen leben. Bislang gelang es den Kämpfern jedoch nicht, einen sicheren Korridor für Zivilisten und Hilfsgüter zu errichten. Vor dem Krieg war Aleppo die größte Stadt Syriens.

Derzeit versuchen Assads Truppen und die russische Luftwaffe, Geländegewinne der Rebellen aus der vergangenen Woche rückgängig zu machen. Russland hatte lediglich tägliche Feuerpausen zwischen 10 und 13 Uhr (Ortszeit) ausgerufen, um Hilfslieferungen für die Bevölkerung zu ermöglichen. Die Regierungstruppen versuchten, im Viertel Ramusah voranzukommen, sagte ein Sprecher der Rebellengruppe Dschaisch al-Nasr. Demnach greifen russische Kampfflugzeuge sogar verstärkt an. Auch ein Zeuge nahe des Frontverlaufes berichtete, nach Beginn der Feuerpause sei es am Vormittag zu Gefechten gekommen.