ZEIT ONLINE: Frau Mouawad, was berichten Ihre Partner aus Aleppo?

Evita Mouawad: Nach Darstellung der Ärzte, mit denen wir täglich telefonieren, gehen Medikamente und Verbandsmaterial zur Neige. Sie sagen, sie wüssten nicht mehr, wie sie noch weiterarbeiten sollten. Tag für Tag würden wegen der wahllosen und permanenten Bombardements von Wohnvierteln bis zu 50 neue Verwundete eingeliefert. Das ist eine sehr hohe Zahl: Allein im Juli wurden vier von uns unterstützte Krankenhäuser beschädigt. Manche Hospitäler wurden bereits drei- oder viermal angegriffen. 

Es ist sehr schwierig, Baumaterial aufzutreiben und die Gebäude zu reparieren. Ein wichtiges Kraftwerk wurde ebenfalls zerstört, sodass es im Osten Aleppos nur noch für sehr kurze Zeiten Strom gibt. Es fehlt an Trinkwasser, weil die meisten Pumpen nicht mehr funktionieren.

ZEIT ONLINE: Wie viele Ärzte praktizieren noch im Osten Aleppos?

Mouawad: Nach Angaben der lokalen Gesundheitsverwaltung sind es noch 35 Mediziner für etwa 250.000 Bewohner.

ZEIT ONLINE: Nach der Blockade der Castello Straße im Norden Aleppos durch Regimetruppen haben die Aufständischen im Südwesten einen neuen Korridor freigekämpft. Kann dieser für Hilfslieferungen genutzt werden?

Mouawad: Nur in einem sehr geringen Maße. Auch der neue Korridor ist heftig umkämpft, Konvois können ihn nicht sicher passieren. Nur einige wenige Lastwagen mit Gemüse und Obst konnten durchkommen, davon abgesehen geht aber nichts. Das gilt auch für Medikamente. 

Bislang haben wir unsere acht Krankenhäuser und drei Erste-Hilfe-Zentren alle drei Monate beliefert. Der letzte Konvoi, bestehend aus zehn Lastwagen, fuhr Ende April. Als Ende Juli die nächsten Lastwagen nach Aleppo fuhren, war der östliche Teil der Stadt bereits umzingelt.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von dem russischen Vorschlag, humanitäre Korridore für die Zivilbevölkerung zu öffnen?

Mouawad: Wir prüfen jede Möglichkeit, der Zivilbevölkerung zu helfen. Aber unsere Gewährsleute vor Ort sagen uns, dass diese Korridore nicht genutzt werden. Die Menschen haben Angst, weil alle diese Ausgänge auf dem Territorium des Regimes enden.

ZEIT ONLINE: Es gibt viel Kritik an der Untätigkeit des Westens. Was kann Europa tun, um das Leiden der Eingeschlossenen in Aleppo zu lindern?

Mouawad: Das Wichtigste ist ein konstanter, internationaler Druck auf alle Konfliktparteien, die Gewalt zu unterbrechen, um Hilfslieferungen zu ermöglichen. Die Kriegsparteien müssen aufhören, Krankenhäuser und zivile Infrastruktur zu bombardieren. Als ersten Schritt brauchen wir zumindest einen Waffenstillstand von 48 Stunden, damit humanitäre Organisationen wieder Zugang zu der Stadt bekommen können. Den russischen Vorschlag einer dreistündigen, täglichen Feuerpause halten wir für nicht ausreichend.

ZEIT ONLINE: Die deutsche Regierung hat vorgeschlagen, Hilfsgüter für Aleppo aus der Luft abzuwerfen. Ist das eine realistische Möglichkeit?

Mouawad: Das ist durchaus machbar, wurde auch schon gemacht. Allerdings gibt es gewisse Einschränkungen. Werden Lebensmittel abgeworfen, lässt sich eine gerechte Verteilung unter der Bevölkerung oft nicht garantieren. Ärztliche Hilfsgüter wiederum sind teilweise zerbrechlich und empfindlich. Arzneien müssen bei einer bestimmten Temperatur aufbewahrt werden. Lebensmittel abzuwerfen, das geht. Bei Arzneimitteln ist das im Grunde nicht möglich.