Schüsse in der Prager Innenstadt. Männer mit Gewehren und langen Bärten rufen "Allahu akbar", einer schwenkt eine IS-Flagge, Touristen geraten in Panik. Dieses Szenario, das sich vergangenen Sonntag in Prag zutrug, war eine Inszenierung. Die langen Bärte waren angeklebt, die Panik echt. Hinter der Aufregung steckt einer der prominentesten Islamgegner Tschechiens: Martin Konvička. Er selbst saß bei der Aktion auf einem Kamel – eingerahmt von uniformierten "Kämpfern".

Verglichen mit solch martialischen Aufmärschen waren die sechs Anti-Merkel-Demonstrationen, denen sich die Bundeskanzlerin gestern in Prag gegenüber sah, harmlos. Die Ablehnung ihrer Flüchtlingspolitik war dennoch deutlich. Weniger als 20 Prozent der Tschechen bewerten Merkels Arbeit derzeit positiv.

Zwei Prozent wollen Flüchtlinge dauerhaft aufnehmen

Es wäre eine Übertreibung zu sagen, die Flüchtlingsfrage spalte Tschechien, denn die Bevölkerung ist sich in ihrer Antiflüchtlingshaltung überwiegend einig. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CVVM sagten im Mai zwei Prozent der Befragten, sie seien damit einverstanden, wenn sich Flüchtlinge dauerhaft in der Tschechischen Republik ansiedelten. 31 Prozent sind dafür, Flüchtlinge aus Konfliktgebieten zeitweise aufzunehmen, bis sich die Lage in ihren Herkunftsländern bessert. 61 Prozent sind gegen jede Aufnahme von Flüchtlingen.

"Bei uns ist Pegida Teil des Mainstreams", beschreibt Vladimír Handl vom Prager Institut für Internationale Beziehungen die Stimmung in Tschechien. Ursache sei, dass die Tschechen zu wenig Erfahrung mit Multikulturalität und Muslimen hätten. 

Der tschechische Finanzminister und stellvertretende Ministerpräsident Andrej Babiš hatte vor einigen Wochen deutlich gemacht, er wolle keinen einzigen Flüchtling in seinem Land, auch nicht zeitweise. 

Auch von Ministerpräsident Bohuslav Sobotka bekam Merkel am gestrigen Donnerstag eine Absage für ihre Pläne, die Flüchtlinge in Europa per Quote zu verteilen. Tschechien könne "nicht mit einem System einverstanden sein, das auf Pflichtquoten basiert", sagte Sobotka.

Unter den Regierungschefs der Visegrad-Staaten Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei ist Sobotka mit seiner Haltung noch der Moderateste. Die Slowakei und Ungarn klagen vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die verpflichtende Umverteilung von Flüchtlingen. Und Ungarns Regierungschef Viktor Orbán lässt im Oktober per Referendum über die Pläne abstimmen. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass die Ungarn der Quotenregelung zustimmen werden.

Mehr Einfluss der AfD wäre für Polen katastrophal

In Polen, wo sich Merkel heute mit den Regierungschefs der Visegrad-Staaten getroffen hat, ist die Stimmung in der Flüchtlingsfrage kaum anders. Auch hier ist über die Hälfte der Bevölkerung gegen jede Aufnahme. Nur vier Prozent befürworten eine dauerhafte Ansiedlung von Flüchtlingen. Für Merkel findet die polnische Regierung trotzdem lobende Worte. Jarosław Kaczyński, Chef der Regierungspartei PiS und heimlicher Regierungschef Polens, bezeichnete Merkel kürzlich sogar als "die beste Lösung" für Polen und wünschte sich explizit eine Wiederwahl. 

Was auf den ersten Blick paradox klingt, erklärt sich durch Merkels Haltung zu Russland. "Merkel versteht die Probleme Mitteleuropas und vor allem die Bedrohung durch Russland", sagt Sebastian Płóciennik vom Polnischen Institut für Internationale Beziehungen. "Es gibt Befürchtungen, dass ein sozialdemokratischer Kanzler wesentlich prorussischer und weniger sensibel für die Angelegenheiten Polens wäre."

Trotz der Übereinstimmung in der Flüchtlingsfrage ist die AfD aus diesem Grund in Polen nicht beliebt. Der Aufstieg der Partei wird wegen ihrer prorussischen und Nato-kritischen Positionen mit Sorge gesehen. "Ein größerer Einfluss dieser Partei wäre für Polen katastrophal", sagt Płóciennik.