Die einzigen Geschäfte, die in Sandtown gut laufen, sind Schnapsläden und Leichenhallen. So erzählen es sich die Leute hier. Und tatsächlich: Zwischen all den zerfallenen Häusern, vernagelten Haustüren und zersplitterten Fenstern liegt das Wylie Funeral Home – der Rasen ringsum ist ordentlich geschnitten, die frisch gestrichenen Hauswände leuchten in der Sonne. Hier wird aufgebahrt, wer den Kampf auf den Straßen nicht überlebt hat. Die Geschäfte gehen gut. Seit Beginn des Jahres zählte die Polizei in dieser Gegend 35 Morde. Alle paar Tage kommt ein weiterer dazu.

Wenn Edward Jackson in Sandtown unterwegs ist, verwandelt er sich: Aus dem freundlichen Herrn mit Baseballkappe und Ring im Ohr wird wieder der Polizist, der er einmal war. Durch das Autofenster fällt sein wachsamer Blick auf die Jungs, die an den Straßenecken herumlungern. Weißes Unterhemd, Basketballshorts, tätowierte Arme, Badelatschen. Er kennt die jungen Männer, hat sie aufwachsen, die Schule abbrechen und hier auf der Straße landen sehen. "Manchmal will man einfach nur heulen", sagt Jackson, als er an einer Mutter im Teenageralter vorbeifährt, die mit ihrem Baby im Arm auf den Stufen eines verbarrikadierten Hauses sitzt.

Die Ruinen, die Junkies, die Mütter ohne Männer – sie alle gehören zu Sandtown-Winchester, gelegen im Westen der Stadt Baltimore. Wer innerhalb der 72 Blocks von Sandtown aufwächst, hat kaum eine Chance, es jemals aus dem Viertel heraus zu schaffen. Zu stark ist der Einfluss der Gangs, die das Drogengeschäft auf den Straßen beherrschen, zu schlecht die Lehre an den öffentlichen Schulen. Baltimore ist ein Extremfall. Doch auch in den Ghettos von Chicago, Detroit und Los Angeles steigt seit Jahren die Zahl der Gewaltverbrechen. Amerikas Großstädte stecken in einer tiefen Krise. An kaum einem anderen Ort wird das so deutlich wie auf den Straßen von Sandtown.

Edward Jackson war 20 Jahre lang als Polizist in den Armenvierteln von Westbaltimore unterwegs. Er hat miterlebt, wie die Black Guerilla Familiy, die mächtigste Gang der Stadt, die Blocks in den neunziger Jahren mit Crack flutete, wie die Heroinabhängigen sich an dreckigen Nadeln mit HIV infizierten und auf den Straßen der Kampf um neue Absatzmärkte ausbrach. Der Stadtteil, in dem die Jazzlegende Billie Holiday und der erste schwarze Verfassungsrichter Thurgood Marshall aufwuchsen – er verfiel vor seinen Augen.

Heute lehrt Jackson als Professor am örtlichen College und erklärt seinen Studenten, warum die Situation in Sandtown so verzweifelt ist: "Die Kombination aus Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität ist eine Spirale, aus der die Menschen in dieser Gegend nicht alleine ausbrechen können", sagt er. Nur 60 Prozent der Menschen hat einen Highschoolabschluss, die Lebenserwartung liegt zehn Jahre unter dem Landesdurchschnitt, die Arbeitslosigkeit ist mit 21 Prozent doppelt so hoch wie im Rest der Stadt. So kommt es, dass morgens um elf Uhr dutzende Frauen und Männer ziellos durch die heruntergekommenen Blocks streifen, vorbei an überquellenden Mülltonen und verdreckten Spielplätzen.

Edward Jackson, ein ehemaliger Polizist © Paul Middelhoff

Vor einem Jahr, in der Nacht des 12. April 2015, brannte es in Sandtown. Gewalttätige Demonstranten plünderten die wenigen Supermärkte, die Sandtown noch geblieben waren. Bewohner lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Grund für die Ausschreitungen war der Tod von Freddie Gray, einem jungen Mann aus der Nachbarschaft. Bei einer Polizeikontrolle hatten Cops ein illegales Klappmesser an seinem Gürtel entdeckt. Gray lief weg, die Polizei hinterher, auf der Presbury Street bekamen sie ihn zu fassen. Wenige Tage später war Gray tot – bei der Verhaftung hatte er sich das Genick gebrochen. Die Polizisten hatten seine Schreie ignoriert und ihn mit auf die Wache genommen. Gray fiel ins Koma, kurz darauf starb er. Noch in der Nacht seines Todes brachen in Sandtown die Proteste aus: die Polizei, Gray, ein rassistischer Mord – da waren sich die Leute im Viertel schnell sicher.