Ihre Gegner hatten sie gewarnt. Sie sollte im Senat, der über ihre Absetzung entscheidet, nicht provozieren. Politische Reden von einem "Staatsstreich" sollte sie bleiben lassen, sonst komme zu ihren Vergehen als Präsidentin noch ein weiteres hinzu.

So was ist aber nichts für Dilma Rousseff. Die 68-jährige Politikerin, die in den sechziger Jahren als Rebellin einen bewaffneten Kampf gegen die Militärdiktatur führte, gefangen gehalten und gefoltert wurde, hatte im Senat einen kämpferischen Auftritt: Sie sei unschuldig, alle Vorwürfe gegen sie seien fabriziert und ein "Vorwand".

Mehr noch, sie sei Opfer einer Verschwörung der Eliten in ihrem Land. Das konservative Lager habe seine Wahlniederlage und ihren Triumph und den der linken Arbeiterpartei im Jahr 2014 nie verschmerzt. Ihre bevorstehende Amtsenthebung sei "ein wahrer Staatsstreich". Die Nachfolgeregierung, die in den vergangenen Monaten bereits übergangsweise von ihrem Stellvertreter Michel Temer geleitet wurde, sei das Ergebnis einer "unrechtmäßigen Machtergreifung". Rousseff sprach von "Illoyalität und Feigheit".

Der kämpferische Rousseff-Auftritt gehört zum Abschluss eines politischen Dramas, das Brasilien monatelang durchgeschüttelt hat. Es hat das Land in eine tiefe Demokratiekrise gestürzt, die mit der erwartete Absetzung von Rousseff auch nicht enden wird. Rousseff weiß, dass sie gehen muss; dass sie keine Chance mehr hatte, irgendwen im Senat auf ihre Seite zu ziehen: Eine notwendige Mehrheit der Senatoren hat sich bereits gegen sie ausgesprochen. 

Rousseffs Auftritt war daher auch nicht mehr darauf angelegt, ihre Richter im Parlament zu überzeugen. Sie sprach für ihre Fans vor den Fernsehern draußen im Land – von ihrer Opferrolle in der Diktaturzeit, von ihrem Kampf für die ökonomisch Benachteiligten, für Minderheiten. Somit war das auch eine Rede an die Geschichte.

Das Problem von Rousseff ist, dass diese Geschichte sich völlig unterschiedlich darstellt – je nachdem, wen man im Lande fragt. Brasilien ist ungefähr 50:50 in zwei Lager gespalten, die jeweils ihre ganz eigene Lesart der vergangenen 15 Jahre in Brasilien haben. Die beiden Seiten stehen sich so erbittert gegenüber, dass die Polizei vor dem Senat in Brasília eine Barriere vorbereitet hatte: links die Anhänger der Rousseff, rechts ihre Gegner.

Für die Anhänger der sich verteidigenden Präsidentin sieht es ungefähr so aus: Seit ihr politischer Ziehvater Lula da Silva 2003 Präsident wurde und seit er ihr 2011 dieses Amt als gewählter Nachfolgerin übergab, ist Brasilien von einem problemgeschüttelten Schwellenland zu einer Weltmacht aufgestiegen, die spektakuläre Fortschritte in Sachen sozialer Gerechtigkeit gemacht hat. Rousseff war schon unter Lula für die technische Umsetzung der vielen Sozialprogramme zuständig – technokratische Massenprogramme, bei denen Sozialhilfe an Familien mit Kindern verteilt wurde, Stromanschlüsse in Armutsgebiete verlegt wurden, Sozialwohnungen aus dem Boden gestampft wurden. Je nach Berechnung haben 20 bis 40 Millionen Brasilianer es unter Lula da Silva und Dilma Rousseff aus der Armut in den bescheidenen Wohlstand der unteren Mittelschicht geschafft.

Die Art und das Tempo des Fortschritts erzürnten die konservativen Kräfte des Landes – die traditionellen Eliten und die angestammten Mittelschichten, die ihren Status bedroht sahen. Es war nun schwieriger und teurer, eine Hausangestellte zu beschäftigen, weil diese neue Ansprüche hatte. In Shoppingzentren, an Flughäfen und in Restaurants begegnete man nun diesen aufsteigenden Schichten, den emergentes, was vielen wohlhabenden Brasilianern gegen den Strich ging.

Lula da Silva hatte in seiner Amtszeit viel Glück, weil die Wirtschaft des Landes außergewöhnlich rund lief: Er konnte den sozialen Frieden wahren, indem er den Armen wie auch den Reichen Zugeständnisse machte. Dilma Rousseff hatte Pech: In ihre Amtszeit fielen die schwersten Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, sodass sie zu harten Entscheidungen gezwungen war. Sie entschied sich überwiegend für die Beibehaltung der Sozialhilfen – und brachte Unternehmer, Reiche, Anhänger der oberen Mittelschichten gegen sich auf.