Das brasilianische Politdrama ist vorbei – fast. Eine 61:20-Mehrheit hat im brasilianischen Senat nach monatelangem Hin und Her beschlossen, dass die Präsidentin Dilma Rousseff gehen muss. Schon seit Mai wurde sie von ihrem Vize Michel Temer im Amt vertreten, weil sie während des Verfahrens nicht mehr regieren durfte. Jetzt ist die Sache endgültig.

Rousseff kündigte an, beim Verfassungsgericht Widerspruch einzulegen, ja sogar internationale Organisationen anzurufen. Aber dass eine richterliche Instanz sich jetzt noch einmal den deutlichen Mehrheiten in Abgeordnetenhaus und Senat entgegenstellt, die für Rousseffs Rauswurf stimmten, ist schwer vorstellbar. Eine kleine, ehrenrettende Sonderregelung in letzter Minute hat der Senat der scheidenden Präsidentin eingeräumt: Anders als sonst bei einer Amtsenthebung üblich bleibt Rousseff nicht acht Jahre von politischen Ämtern wie einem Senatsposten ausgesperrt. Im Augenblick kann man sich aber auch ein politisches Comeback der 68-jährigen Politikerin kaum vorstellen; sie selbst hat kürzlich davon gesprochen, dass sie eine Weltreise machen will, dass sie eine hübsche Wohnung am Strand von Rio kaufen will.

Ich hatte Dilma Rousseff in den vergangenen Wochen ein paar Mal getroffen; einmal saßen wir im Morgenröte-Palast zusammen, einer prächtigen Oscar-Niemeyer-Residenz für Brasiliens Präsidenten, und sie sprach sehr lange und ausführlich über ihre These vom "Staatsstreich". Seit Monaten zieht sie durchs Land und deklamiert, dass ihre Amtsenthebung ein Putsch sei, ein "Bruch mit der Ordnung der Demokratie".

Das ist eine dramatische Rhetorik und politisch wirksam obendrein: Die verhältnismäßig wenigen, aber aufgepeitschten Demonstranten, die in den vergangenen Wochen immer wieder zur Verteidigung Rousseffs auf die Straße gingen, riefen mit Verve: "Es darf keinen Staatsstreich geben!" Temer, den zur Opposition übergelaufenen Rousseff-Vize, nannten sie schlicht "den Putschisten".

"Ich trage die Zeichen der Folter"

Rousseff kann mit Erfahrung über Staatsstreiche reden: Als 1964 die Militärs gewaltsam die Macht in Brasilien ergriffen, ging sie als Guerillera in den Untergrund, später wurde sie eingesperrt und gefoltert. "Ich trage die Zeichen der Folter", schmetterte sie auch bei ihrem letzten Auftritt am Montag ihren Anklägern im Senat entgegen; widerspenstig reckte sie da den Kopf wie einst vor dem Militärtribunal, statt Entschuldigungen oder Demut strahlte sie eiserne Entschlossenheit und einen unerschütterlichen Glauben an die eigene moralische Überlegenheit aus.

Bei unserem Gespräch im Alvorada-Palast gingen wir ein wenig ins Detail: War es wirklich angemessen, Senhora Presidenta, die Schrecken der alten Diktaturzeit noch einmal heranzuziehen? Gehört sich das für eine Präsidentin, dient eine solche Rhetorik dem Wohl dieses Landes, das ohnehin tief gespalten und frustriert von seinen Politikern ist? "Diese Debatten können nicht ohne den Sauerstoff der Wahrheit geführt werden", antwortete Rousseff. Auch dann, wenn dieser Sauerstoff, in diesen aufgepeitschten Zeiten, explosive Verbindungen eingeht? "Die Alternative wäre das Schweigen in einer Diktatur", antwortete sie. Aber wie wäre es mit einem verbindlicheren Ton, der dazu geeignet wäre, die Menschen zusammenzubringen, auch politische Gegner wieder auf die eigene Seite zu ziehen? "Die Zeit für einen verbindlicheren Tonfall kommt, wenn ich ins Amt zurückgekehrt bin", antwortete die damals suspendierte Präsidentin.

So weit, so dickköpfig. Rousseff erklärte dann, was sie mit einem "Staatsstreich" meint – und ja, man kann ihre Argumente nachvollziehen. Man kann, wenn man das will, die Vorgänge der vergangenen Wochen als einen Verfassungsbruch begreifen und als Anschlag auf die Demokratie. Offensichtlich rollen in Brasilien keine Panzer durch die Straßen, aber in Rousseffs Worten lief ein "Staatsstreich der neuen Art" gegen sie ab: Das in Brasilien durchaus verfassungsgemäße Verfahren der Amtsenthebung wurde herangezogen, um Rousseff aus dem Amt zu heben – aber statt der darin vorgesehenen "schweren Amtsvergehen" wurden Vorwürfe an den Haaren herbeigezogen, juristische Feinheiten rings um das Frisieren von Haushaltszahlen. Dann taten alle so, als sei dies das schlimmste Verbrechen der Welt – dabei waren Budgetmanipulationen in Brasilien auch unter anderen Präsidenten und Gouverneuren in den Bundesstaaten gang und gäbe. Rousseff wurde unter Vorwänden abgesetzt, in Wahrheit ging es um Macht und Politik – und wenn man es so sieht, ist der ganze Vorgang trotz aller eingehaltenen Formalitäten ein Verstoß gegen die Verfassung.