Zu normalen Zeiten lächeln die Franzosen über ihn. "So ist er eben, der Estrosi," sagen sie dann etwa. Zu normalen Zeiten hallen die Entgleisungen von Christian Estrosi kaum über die Grenzen seines kleinen Reichs hinaus, der südfranzösischen Stadt Nizza. Aber nun ist ein Attentäter mit einem 19 Tonnen schweren Laster über die Strandpromenade der Stadt gefahren und hat 84 Menschen ermordet.

Nur wenige Stunden später sagte der Präsident der Region von Nizza, es habe zu wenig von Paris entsandte Polizisten gegeben, um das französische Nationalfest am Meer zu sichern. Estrosi hat sich in die Rolle des Chefanklägers gebracht, obwohl sich der erste Beigeordnete für Sicherheit der Stadt nach dem dramatischen Ereignis eigentlich hätte verteidigen müssen. Die Angst nach den Attentaten in Frankreich hat die Türen für Populisten wie ihn weit aufgestoßen.

Widersprüche in sich zu vereinen ist die große Stärke des 61-jährigen Republikaners. So fordert er inbrünstig die "reine Wahrheit" und das "Ende aller Polemik" – und tut genau das Gegenteil. Von Zensur sprach Estrosi, als das Pariser Justizministerium der örtlichen Polizei empfahl, die Filme der Sicherheitskameras vom tragischen Abend zu löschen. Dabei hatten Terrorspezialisten das Material längst archiviert und ausgewertet, nur sollten keine schockierenden Sequenzen in falsche Hände und dann auf YouTube gelangen. Es war eine gänzlich unbegründete Unterstellung, aber sie brachte Estrosi wieder in die Schlagzeilen.

In seiner Dreistigkeit ähnelt er wie kein anderer Politiker in Frankreich dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Würde jemand alle Behauptungen des Franzosen überprüfen, blieben nicht mehr viele übrig. Trotzdem schafft er es, die politische Debatte weit über Nizza hinaus zu bestimmen.

Estrosi lässt "zu laute" muslimische Hochzeiten stoppen

Ein Typ wie Estrosi ist in deutschen Rathäusern nur schwer vorstellbar. Ein ehemaliger Profi-Motorradfahrer, der sich gerne mit einem weiß behandschuhten Chauffeur durch die Städte an der Côte d'Azur fahren lässt und manchmal – so erzählen es Lokaljournalisten – wütend in Redaktionen anruft, wenn seine Anwesenheit bei einem Fest, einem Sportereignis oder dem Karneval in Nizza nicht ausreichend mit einem Foto gewürdigt worden sei. Über Twitter verschickt er ständig Selbstporträts: Estrosi am Strand, Estrosi beim Joggen, Estrosi in der Kirche, Estrosi mit Gendarmen oder einfach nur Estrosi. Seine Eigenwerbemaschine rattert pausenlos.

Auch politisch erinnern Estrosis haltlose Forderungen an die von Trump. Während der Fußballweltmeisterschaft 2014 wollte er "fremde Nationalflaggen" verbieten. Zuvor waren es "zu laute Hochzeiten in der Innenstadt" – für ihn alleine standesamtliche Hochzeiten von Muslimen. Er scheute nicht davor zurück, die Gesellschaften schon während der hupenden Anfahrt auf das Rathaus festzunehmen und so Trauungen zu verhindern. Über die in Nizza campierenden Roma soll er laut dem Online-Magazin Mediapart gesagt haben, er werde sie "bezwingen" und sie würden mit so teuren Wohnmobilen fahren, wie sie sich ein "normaler Franzose im ganzen Leben nicht leisten" könne.

Debatte in Frankreich driftet ab

Damals debattierte ganz Frankreich über Roma. Estrosi tastet sich gern an Themen und seine Meinung heran, dann steigert er seine Thesen von Interview zu Interview. Sprach er sich zuerst gegen die Ehe von homosexuellen Menschen aus, zeigte er sich anschließend "entzückt" über die Anzahl der gleichgeschlechtlichen Ehen, die unter der Sonne Südfrankreichs geschlossen werden. Aber auch wenn er opportunistisch ist: Hinter dem Paukenschläger verbirgt sich ein zutiefst rechts-konservativ gesinnter Mensch, der vor Jahren schon mal die Todesstrafe wieder einführen wollte.

Mehr Gendarme, mehr Waffen für Sicherheitskräfte und weniger Rechte für Flüchtlinge gehören zu Estrosis Standardforderungen. Das ist seit Jahren sein politisches Mantra, aber jetzt, nach dem Attentat, hat er frankreichweit ein Forum dafür. Schließlich wählen die Französinnen und Franzosen im kommenden Frühjahr einen neuen Präsidenten und viele von ihnen sind von den Anschlägen in Paris, Nizza und schließlich auf einen katholischen Priester in Étienne-du-Rouvray so erschüttert, dass Estrosis cowboyhafte Worte ankommen. An der Côte d'Azur zwischen Menton und Saint-Tropez wählen die Menschen schon seit Jahrzehnten weit rechts. Die Reaktionen auf die Attentate lassen erahnen, dass nun weite Teile Frankreichs in Estrosis Nationalpopulismus abdriften.