Schließlich ist für die Franzosen neuesten Umfragen zufolge die Terrorbekämpfung das entscheidende Thema im Wahlkampf. Kaum noch jemand diskutiert über das wichtigste Versprechen des sozialistischen Präsidenten François Hollande, mehr Menschen in Arbeit zu bringen. Niemand spricht mehr über seinen Anspruch, Jugendliche besser auszubilden und die Armut zu bekämpfen. Mit jedem Anschlag verschwand ein soziales oder arbeitspolitisches Thema von der Agenda. Jetzt füllen die Lieblingsthemen Estrosis die Debatten: Sicherheitsverwahrung von Terrorverdächtigen, eine größere Armee, Polizisten vor Schulen und schnellere Abschiebungen.

All diese Forderungen finden sich seit Jahren in den Programmen des rechtsextremen Front National. Estrosi und seine konservativen Nachahmer bei den Republikanern fahren daher einen gefährlichen Kurs. Von den radikalen und meist nicht verfassungskonformen Vorschlägen, die sie jetzt vorbringen, profitiert vor allem der FN. Die meisten Umfragen sagen der Partei voraus, es in den zweiten Wahlgang zu schaffen. 

Niemand spricht über Estrosis Verantwortung

Die Stärke des FN bekam Estrosi bei der Wahl zum Regionalparlament zu spüren. Da triumphierte die junge Nichte der FN-Chefin, erst im zweiten Anlauf konnte Estrosi sich mithilfe der Sozialisten und der Grünen gegen Marion Maréchal Le Pen behaupten. Für die Wahl um das höchste Staatsamt Frankreichs im kommenden Mai könnten sich die Republikaner und der Front National nun dasselbe Duell um die weitreichendsten Vorschlägen liefern – ohne dass sie jemals auf ihre Wirksamkeit überprüft worden wären.

Estrosi wird auch in Paris eine Rolle spielen. Unter dem Ex-Präsidenten Sarkozy war er Industrieminister und auch heute macht er sich für den Parteichef als erneuten Kandidaten stark. Das Kuriose daran ist: Wenn Sarkozy die Vorwahlen seiner Partei im Herbst gewinnt, wird er erneut gegen Hollande antreten. Erneut werden zudem Marine Le Pen den Front National und Jean-Luc Mélénchon die Linken anführen. Der Ton mag sich verschärft haben und die Debatte nach rechts gerutscht sein – die Anwärter auf den Élysée-Palast aber drohen dieselben zu sein wie vor fünf Jahren.

Bislang gleiten die Gegenangriffe der regierenden Sozialisten an Estrosi ab, nichts bleibt wirklich an ihm haften. Dabei sind seine Ideen zur Sicherheit der Bürger mit dem Attentat widerlegt worden. Weder halfen die mehr als 1.200 Videokameras in der Stadt noch die pro Kopf besonders hohe Zahl an Polizisten, um vorher auf den Täter aufmerksam zu werden. Der Attentäter konnte trotz eines stadtweiten Verbots für Schwerlaster in den Tagen vor dem 14. Juli drei Mal ungestört mit dem 19-Tonner über die Promenade fahren und seinen Terrorakt planen. Über Christian Estrosis Verantwortung spricht dabei kaum jemand.