Der österreichische Bundeskanzler Christian Kern, SPÖ, war bis Mai dieses Jahres Chef der Österreichischen Bundesbahn, die von Ende August 2015 bis Januar 2016  etwa 800.000 Flüchtlinge in Zügen und Bussen transportiert hat.

ZEIT ONLINE: Herr Bundeskanzler, wie haben Sie im vergangenen Jahr davon erfahren, dass sich so viele Menschen auf dem Weg nach Österreich und Deutschland befanden?

Christian Kern: Es muss Ende August gewesen sein, als mich ein Mitarbeiter aus dem Betriebsdienst anrief und sagte: Da stehen jetzt ein paar Tausend Leute auf dem Gleis. Weil wir nicht genau wussten, was sich in Ungarn abspielte, haben wir Anfang September zwei ÖBB-Mitarbeiter an den Bahnhof in Budapest geschickt. Die haben uns dann durchgegeben, wie viele Züge Richtung Österreich fuhren.

ZEIT ONLINE: Das heißt also: Die Information kam nicht von oben?

Kern: Nein. Als die Deutschen Mitte September vergangenen Jahres Grenzkontrollen einführten, waren Journalisten die Ersten, die uns anriefen und das mitteilten.

ZEIT ONLINE: Das klingt jetzt nicht nach einem Generalstabsplan.

Kern: Nein. Das ist alles sehr spontan geschehen, das hatte gar nichts Generalstabsmäßiges. Wir mussten innerhalb von Minuten entscheiden: Wir stellen jetzt Busse und Sonderzüge zur Verfügung. Die Entscheidung hatte zwei Aspekte: Zum einen war es ein Akt der Humanität. Zum anderen bewegten uns ganz pragmatische Gründe. Die Menschen wären ohnehin entlang der Gleise gelaufen. Und das hätte dazu geführt, dass der Bahnbetrieb zum Erliegen gekommen wäre. Sie dürfen nicht vergessen, in Österreich pendeln prozentual mehr Menschen als in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Wo waren Sie in der Nacht des 4. September, als Viktor Orbán die Busse mit Flüchtlingen an die österreichische Grenze schickte?

Kern: In der ÖBB-Bahnzentrale. Wir waren permanent am Handy. Es hat am Anfang keine Einsatzhierarchie gegeben. Das funktionierte, weil man viel miteinander redete. Wir haben gleich in der Nacht Bahnbusse an die Grenze nach Nickelsdorf geschickt, um die Menschen abzuholen. Und haben dann den damaligen Verkehrsminister Alois Stöger darüber informiert, der wird das weitergegeben haben. Gleichzeitig beschäftigte uns die Frage: Wo sollen all die Menschen übernachten? Viele wollten sofort nach Deutschland weiter, aber so viele Plätze gab es in den Zügen erst mal nicht, wir mussten sie also irgendwo unterbringen. Wir haben dann die Notunterkunft im Blauen Haus vorbereitet ...

ZEIT ONLINE: Das Blaue Haus ist ein Bürogebäude am Westbahnhof, das damals halb leer stand ...

Kern: Die Menschen waren damals misstrauisch aufgrund ihrer Erfahrungen in Ungarn, die wollten in der Nähe des Bahnhofs bleiben. Das war auch in Salzburg so, wo es ebenfalls eine Notunterkunft auf dem Bahnhofsgelände gab.