Es gehört inzwischen schon zum Alltag. Auch diese Woche hat Donald Trump, nun der offizielle Präsidentschaftskandidat der Republikaner, mit seinen Äußerungen für Schlagzeilen und Entrüstungen auf Twitter gesorgt. Da war sein Verständnis für Putins Annexion der Krim – nachdem er zuvor russische Hacker öffentlich auf die E-Mails seiner Rivalin Hillary Clinton angesetzt hatte. Dann kanzelte er die Eltern eines im Irak getöteten muslimischen US-Soldaten ab. Jede einzelne von Trumps Bemerkungen allein in den vergangenen Tagen hätte in anderen Zeiten eine Kandidatur zum Scheitern gebracht. Stattdessen liegt Trump je nach Umfrage sogar vor Clinton.

Nicht nur deren Demokraten sind perplex über den unwahrscheinlichen Erfolg des Immobilienmilliardärs und Reality-TV-Stars. In vielen befreundeten Ländern, von Berlin über Paris bis Riad, sorgt man sich um den wichtigsten Bündnispartner. Wie kann ein Mann mit Ansichten wie Trump solche Unterstützung genießen? Doch für viele US-Amerikaner ist er der Einzige, der ihnen nach mehr als einem Jahrzehnt erbitterter ideologischer Grabenkämpfe und Reformstau in Washington wieder Gehör verschaffen kann.

Lange erzählten sich etablierte Politiker und Journalisten, dass Trump seine Anhänger vorwiegend aus den Reihen ökonomischer Verlierer rekrutiere, die mit ihm einen Weg gefunden hatten, ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Menschen am Rand der Gesellschaft. Tatsächlich gewann Trump während der Vorwahlen viele Stimmen im Rust Belt, jener Mitte des Landes, das die Bewohner der Küstenmetropolen gerne als "Fly-over-Staaten" bezeichnen, die man am besten schnell mit dem Flugzeug hinter sich bringt. 

Es war einst die Heimat der Massenfertigung – Textil, Schuhe, Möbel und zuletzt Elektronik –, die über die vergangenen Jahrzehnte in Billiglohnländer abwanderte. Seit China 2001 in die Welthandelsorganisation eintrat, hat sich die Rate der Jobvernichtung beschleunigt. Die Rust-Belt-Bewohner sahen, wie immer mehr Produkte in den Regalen in ihrem lokalen Wal-Mart aus dem Fernen Osten kamen. Gleichzeitig verschwanden ihre Arbeitsplätze, die bis dahin auch dank starker Gewerkschaften eine gute soziale Absicherung geboten hatten. Trump hat ihrem Zorn eine Richtung gegeben: Einwanderer. "Sie nehmen uns unsere Jobs, unsere Industriearbeitsplätze, unser Geld, sie machen uns alle", behauptet er in seinen Reden.

Ein Schulabschluss reicht nicht zum guten Leben

Besonders hoch ist nach einer Analyse der New York Times die Unterstützung des New Yorker Immobilienunternehmers ausgerechnet unter Bewohnern von trailer homes, Fertighäusern auf Rädern, die vor allem in ländlichen Regionen billigen Wohnraum darstellen. "Was Donald Trump und sterbende Weiße verbindet", titelte kürzlich die Washington Post. Viele Gebiete, in denen Trump hohe Zustimmung genieße, so das Blatt, seien auch Gegenden, in denen Drogenmissbrauch epidemisch, Depression verbreitet und Selbstmordraten steigend seien. Trump trifft das Gefühl vieler, die sich von Wachstum und Fortschritt ausgeschlossen sehen.

Früher reichte ein High-School-Diplom, um in der Industrie einen ordentlichen Job finden zu können. Ein Job mit einem Einkommen, mit dem sich ein Haus finanzieren und die Kinder komfortabel großziehen ließen. Heute braucht, wer nicht dauerhaft zum Mindestlohn im Einzelhandel oder im Fast-Food-Gewerbe landen will, in der Regel vier Jahre College-Ausbildung. Beschäftigte mit Universitätsabschluss verdienten vor 30 Jahren 35 Prozent mehr als solche ohne College, 2013 betrug der Einkommensvorteil der Absolventen 80 Prozent, so eine Erhebung der Notenbank von San Francisco.