Sieben Jahre ist es her, dass Silvio Berlusconi den Opfern des verheerenden Erdbebens in L'Aquila riet, die Tragödie als Abenteuer zu erleben. Man müsse es halt sehen wie ein "Campingwochenende", sagte er. Tausende waren damals obdachlos geworden, mehr als 300 Menschen waren in den Trümmern gestorben. Der politische Ton hat sich seit dieser Katastrophe verändert. "Jetzt müssen die Tränen trocknen", sagte der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi am Mittwoch nach seinem Besuch im Erdbebengebiet um Amatrice. Und dass es dann an den Wiederaufbau gehen müsse.

Was sich in den letzten Jahren jedoch nicht verändert hat, ist die Vorbereitung auf die Katastrophe. "Immer unvorbereitet", titelte die Mailänder Zeitung Libero am Donnerstag auf der ersten Seite. Noch sind nicht alle Opfer und Vermissten gefunden. Bekannt ist bisher, dass durch das schwere Erdbeben in Mittelitalien vom Mittwoch mehr als 247 Menschen starben.

Die italienische Regierung hat signalisiert, die Überlebenden in den vom Beben zerstörten Dörfern wie Amatrice, Accumoli oder Aquata del Tronto nicht im Stich zu lassen. Es ist bereits von einer Rekonstruktion der Dörfer die Rede.

Darin hat Italien Routine: Seit dem Jahr 1968 wurden insgesamt 180 Milliarden Euro für den Wiederaufbau nach Erdbeben ausgegeben. Das hat der italienische Verband der Bauunternehmer errechnet. 13,7 Milliarden Euro wurden alleine für die Rekonstruktion nach dem Erdbeben 2009 in den Abruzzen bereitgestellt.  

"Immer unvorbereitet", titelt eine Mailänder Zeitung

Alle paar Jahre gibt es in Italien ein schweres Erdbeben, zuletzt 2012 in der Emilia-Romagna. Alle paar Jahre fallen Hunderte Menschen den Naturkatastrophen zum Opfer. Der Wiederaufbau ist zweifellos notwendig, aber Geologen, Seismologen und Angehörige des italienischen Zivilschutzes beklagen vor allem den Mangel an Erdbebenprävention in Italien. 

"In Italien haben wir trotz allem keine Präventionskultur", sagt Francesco Peduto, Vorsitzender des italienischen Geologen-Rates. 24 Millionen der knapp 60 Millionen Italiener leben laut Peduto in Gegenden mit erhöhtem Erdbebenrisiko, die betroffenen Gegenden reichen vom Friaul über den Apennin bis nach Kalabrien und Sizilien. 

Eine neue Kultur der Prävention

"Wir geben uns damit zufrieden, den Notstand zu verwalten", sagt der Erdbebenforscher Massimo Cocco des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie. Enzo Boschi, Seismologe und ehemaliger Präsident des Instituts sagt: "In Italien wird nur nach Erdbeben verantwortungsvoll gebaut." Etwa in der umbrischen Stadt Norcia, die 1979 und 1997 von Erdbeben betroffen war. Nach entsprechenden Baumaßnahmen gab es beim jetzigen Beben weder Tote noch Verletzte und kaum Schäden, obwohl das Epizentrum in unmittelbarer Nähe lag.

Alle Experten fordern einen mehrfachen Wandel. Zum einen bedürfe es einer neuen Kultur der Prävention. Die oft ahnungslose Bevölkerung in den entsprechenden Gebieten müsse für die Risiken sensibilisiert werden und eine Anleitung für richtiges Verhalten im Fall von Erdbeben bekommen, das sei bisher nicht der Fall. In der Schule müssten Kurse gegeben werden. "Zwischen 20 und 50 Prozent der Todesfälle haben ihre Ursache in Fehlverhalten der Menschen während eines seismischen Ereignisses", sagt Peduto.