Großbritanniens wichtigste Oppositionspartei ist im Aufruhr. Derzeit vergeht kaum ein Tag ohne neue Erklärungen oder Kampfansagen prominenter Labour-Politiker. Der Machtkampf beschäftigt sogar die Gerichte. Der Großteil der Labour-Abgeordneten und zahlreiche Labour-Größen unterstützen den Abgeordneten Owen Smith, der Parteichef Jeremy Corbyn in einer Kampfabstimmung herausfordert.

Dabei geht es um mehr als die Frage, wer die Partei anführt. Bei Labour ist ein ideologischer Glaubenskrieg um die Zukunft der Partei entbrannt.

Das wird spätestens am Tonfall deutlich, den führende Corbyn-Gegner mittlerweile anschlagen. So warnte Labour-Vizechef Tom Watson in einem Interview mit dem Guardian allen Ernstes davor, dass "Trotzkisten" versuchten, die Partei an sich zu reißen. "Es gibt einige 'alte Hände', die in diesem Prozess die 'Arme der Jungen verdrehen'", sagte Watson. Sie trieben die Zersplitterung der Partei voran und drohten, Labour letzten Endes zu zerstören. "So operieren trotzkistische Infiltranten."

Schuld daran sei, sagt Watson, das Prozedere, wonach einfache Labour-Unterstützer und Mitglieder Labour-naher Gewerkschaften den Parteichef bestimmen können. Diese Wahl des Labour-Chefs derartig zu öffnen sei "eine furchtbare Fehleinschätzung" gewesen.

Das Wahlverfahren geändert hat Corbyns Vorgänger Ed Miliband. Bis 2014 hatte ein Wahlgremium aus Labour-Abgeordneten, Gewerkschaftern und Parteimitgliedern den Labour-Chef bestimmt. Jede der drei Gruppen hatte dabei gleich viel Gewicht. Seit der Reform der Wahlregeln gilt "ein Mitglied, eine Stimme". Es dürfen nicht nur Parteimitglieder wählen, sondern auch registrierte Unterstützer.

Diese Änderung kam dem Parteilinken Corbyn im vergangenen Jahr zugute. Als die Partei nach der überraschenden Niederlage bei den Parlamentswahl 2015 nach einem neuen Parteichef suchte, glaubte Corbyn selbst offenbar am wenigsten daran, dass er tatsächlich gewinnen könnte. Seine Kandidatur reichte er buchstäblich in allerletzter Minute ein. Dazu aufgerufen hatten ihn auch Labour-Realos. Sie hofften offenbar, dass der krawallige linke Flügel der Partei nach einer großen Niederlage ihres Idols Corbyn endlich Ruhe geben würde.  

Ein Linker alter Schule

Doch es kam ganz anders: Corbyn lag in Umfragen schnell vorne. Zu seinen Wahlkampfauftritten kamen Tausende Unterstützer. Corbyn gab sich als Linker alter Schule: Er versprach nukleare Abrüstung, die Wiederverstaatlichung des Eisenbahnverkehrs, ein Gesundheitssystem, das frei von Privatisierungen bleiben sollte, und ein Wiedererstarken des produzierenden Gewerbes, das er durch staatliche Investitionen stärken wollte. Vor allem warb er für ein Ende des Austeritätskurses der konservativen Regierung.

Seine Botschaft kam an: Im September 2015 wurde Corbyn mit überraschenden fast 60 Prozent der Stimmen in der ersten Runde ins Amt des Parteichefs gewählt. Die Realos, Spötter nennen sie Blairites, zu denen auch die meisten Abgeordneten gehören, waren entsetzt.

Zehntausende neue Mitglieder

Zum offenen Bruch zwischen ihnen und Corbyn kam es kurz nach dem EU-Referendum Ende Juni. Die Labour-Abgeordneten sprachen sich in einer Vertrauensabstimmung mit großer Mehrheit für den Rücktritt Corbyns aus. Ihr Vorwurf: Corbyn habe sich nicht entschlossen genug für den Verbleib in der EU engagiert. Mit seinen dogmatischen Ansichten mache er Labour zudem unwählbar. Doch Corbyn dachte gar nicht daran, zurückzutreten. Stattdessen ging ein Großteil von Corbyns Schattenkabinett. Die Rücktrittsforderungen wurden lauter. Nach einigem internen Hickhack setzte der ehemalige Pharma-Lobbyist Owen Smith mit seiner Kandidatur eine Kampfabstimmung in Gang. Die Wahlpapiere sollen in den kommenden Tagen verschickt werden, das Ergebnis wird im September erwartet.

Was dem überwiegend aus Corbyn-Kritikern bestehenden Parteiestablishment aufstößt: Allein in den vergangenen Wochen haben sich Zehntausende Labour angeschlossen. Die Zahl der Labour-Mitglieder wuchs auf mehr als eine halbe Million an – so viele, wie seit Jahrzehnten nicht. Die Corbyn-Gegner befürchten, dass die meisten von ihnen Corbynistas sind und ergriffen eine ominöse Maßnahme: Das Corbyn-kritische Exekutivkomitee der Partei beschloss, dass neue Parteimitglieder an der bevorstehenden Abstimmung nur dann teilnehmen dürfen, wenn sie bis Mitte Juli mindestens sechs Monate Labour-Mitglieder waren.

Jeremy Corbyn liegt deutlich vorne

Die Entscheidung fiel offenbar, nachdem die Corbyn-Unterstützer in dem Komitee das Treffen bereits verlassen hatten. Der Abstimmungspunkt stand nicht auf der Tagungsordnung.

130.000 Labour-Mitglieder sind damit von der Abstimmung ausgeschlossen. Fünf von ihnen zogen vor Gericht – und gewannen, zum Entsetzen der Corbyn-Gegner: Ein Gericht in London erklärte die Regelung Anfang der Woche für illegal. Die Parteiführung kündigte an, gegen das Urteil vorzugehen.

Dabei scheint es mittlerweile nicht nur unter Corbyns Gegnern Paranoia zu geben. Der einflussreiche Gewerkschaftsboss und Corbyn-Vertraute Len McCluskey sagte vergangenen Monat, hinter den zahlreichen eingangenen Hassbotschaften und Drohungen gegen Corbyn-Gegner steckten Geheimdienste. Damit sollten Corbyn und seine Unterstützer diskreditiert werden. "Jeder, der denkt, dass das nicht passiert, lebt nicht in derselben Welt, in der ich lebe", sagte McCluskey. Kommunistische Infiltrationsversuche? Geheimdienste? Man darf gespannt sein, welche Spekulationen in den kommenden Wochen hinzukommen werden.

Wahlkampf verstolpert

Labours früherer Chef und Corbyns Vorgänger Ed Miliband versuchte es weniger spekulativ. In einem Video appellierte Miliband an die Parteimitglieder, für seinen "Kollegen und Freund" Owen zu stimmen. "Ich möchte einen Labour-Anführer, der die Partei einigen kann und uns zu einer ernstzunehmenden Alternativregierung macht." Kritiker wenden jedoch ein,  es seo Milibands moderater Kurs als Parteichef gewesen, der Labour im vergangenen Jahr Sieg gekostet hatte.

Seinen Wahlkampf hat Corbyn-Herausforderer Smith jedoch bisher verstolpert. Ende Juli verschickte sein Team versehentlich mitten in der Nacht massenhaft SMS mit Wahlwerbung. Viele der Empfänger nahmen es mit britischem Humor. Eine Labour-Unterstützerin schrieb auf Twitter: "Lieber @OwenSmith_MP, kann ich diesbezüglich darum bitten, dass Du mir nicht um 4 Uhr früh betrunkene SMS schickst. Vielen Dank." Kurz darauf veröffentlichte Smiths Wahlkampfteam Nahaufnahmen von Teilnehmern einer Kundgebung des Politikers. Corbyn-Unterstützer posteten daraufhin aus einem anderen Blickwinkel aufgenommene Bilder, die zeigten, dass nur einige Dutzend Zuhörer erschienen waren. Zu einer Corbyn-Rede in Liverpool erschienen Anfang des Monats hingegen so viele Zuhörer, dass die Polizei angrenzende Straßen sperren musste.

Wie auch immer der ideologische Glaubenskrieg bei Labour ausgeht, viele Wähler scheint das Hickhack abzuschrecken. Umfragen zufolge würde Labour bei Wahlen derzeit knapp 29 Prozent der Stimmen erhalten, die Konservativen bekämen 40 Prozent. Die statistische Wahrscheinlichkeit eines Labour-Sieges bei den kommenden Wahlen liegt laut einer Erhebung derzeit bei null Prozent.

Doch die Stimmung im Land ist eine andere und sie spiegelt sich in Großbritannien immer bei den Buchmachern wider. Bei denen liegt bei der Frage, wer Theresa May im Amt des Premiers beerben wird, Corbyn derzeit deutlich vorne.