In den letzten Wochen vor der Wahl in den USA sind die Statistiker gefragt: Jeder Wert, der sich durch Umfragen erheben lässt, wird meist von mehreren Instituten gleichzeitig abgefragt. Wie viele Amerikaner misstrauen Hillary Clinton? 69 Prozent, sagen der Fernsehsender NBC und das Wall Street Journal. Was halten die Bürger von einer Mauer zu Mexiko, so wie Donald Trump sie seit Monaten fordert? Nur 36 Prozent sind dafür, ermittelte das Pew Research Center. Und wie bekannt ist überhaupt der libertäre Präsidentschaftskandidat Gary Johnson? Laut der Beraterfirma Gallup haben 63 Prozent noch nie von ihm gehört.

Täglich fluten Dutzende Umfrageinstitute die amerikanischen Medien mit neuen Zahlen. Bei der Wahl im November geht es jedoch nur um einen einzigen Wert: Wer die Stimmen von mindestens 270 Wahlmännern auf sich vereint, zieht Anfang kommenden Jahres als Präsident ins Weiße Haus ein.

Die aktuellen Umfragen lassen kaum Zweifel daran aufkommen, wer das sein wird: Hillary Clinton liegt schon jetzt mit 272 Stimmen vor ihrem Kontrahenten Donald Trump (154 Stimmen). Die Wahrscheinlichkeit, dass der Milliardär die Wahl noch für sich entscheiden kann, liegt je nach Umfrageinstitut im Moment nur zwischen 11 (New York Times) und 19 Prozent (Analyse-Website Five-Thirty-Eight). Ist die Wahl für ihn also schon gelaufen?

Wer zieht ins Weiße Haus ein?

Zahl der Wahlmänner, die Clinton und Trump laut aktuellen Umfragen in den einzelnen Bundesstaaten für sich gewinnen können.

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Vor genau vier Jahren lagen Präsident Barack Obama und sein Herausforderer Mitt Romney in dieser Phase des Rennens noch fast gleichauf. Bis kurz vor der Wahl kämpften die beiden verbittert um die letzten Wählerstimmen. Am Ende gewann Obama mit 3,9 Prozentpunkten Vorsprung – ein klassischer Wahlkampfverlauf. Doch Donald Trump ist kein klassischer Kandidat: Bisher hat er die Vorhersagen von Amerikas besten Demoskopen ein ums andere Mal widerlegt. Schließlich hatten die ihm noch nicht einmal zugetraut, auch nur die Vorwahlen zu überstehen.

Mail-Affäre lastet auf Clinton

Trotz ihres erheblichen Vorsprungs kann Hillary Clinton die restlichen Wochen des Wahlkampfs nicht einfach in Ruhe absitzen. Zu brisant ist die Affäre um gelöschte E-Mails aus ihrer Zeit als Außenministerin, zu hoch die Honorare, die die demokratische Kandidatin in der Vergangenheit von Großbanken für Reden vor Privatpublikum bekommen hat. Das Außenministerium wird auf Anweisung eines Bundesrichters wohl noch vor der Wahl weitere knapp 15.000 E-Mails von Clintons privatem Server veröffentlichen müssen. Sollten darin noch mehr Skandale auftauchen, könnte dies auch wieder Einfluss auf die Umfragewerte haben.

Ein Blick auf die politische Landkarte der USA verrät jedoch, warum Trumps Chancen auf einen Wahlsieg seit den Parteitagen Ende Juli kleiner werden: Derzeit sind laut der unabhängigen Umfrage-Website RealClearPolitics (mit deren Zahlen auch ZEIT ONLINE arbeitet) noch 112 Wahlmännerstimmen offen. In allen anderen Staaten führt entweder Clinton oder Trump mit deutlichem Vorsprung. Doch selbst wenn der republikanische Präsidentschaftskandidat jeden dieser Swing States gewinnen sollte – ein unwahrscheinliches Szenario – würde er am Ende nur auf 266 Stimmen kommen. Clinton würde trotzdem gewinnen. Trump muss also einige der Staaten zurückerobern, in denen seine Kontrahentin derzeit vorne liegt. 

Problematisch sind für Trump vor allem die Bundesstaaten in den alten Industrieregionen im Nordosten der USA. Dort hatte er ein großes Wählerpotential vermutet, schließlich leben in dieser Gegend besonders viele weiße Männer mit relativ geringem Bildungsabschluss – eigentlich Trumps primäre Zielgruppe. 

Doch sowohl in Pennsylvania und Wisconsin als auch in Michigan hat Clinton derzeit nach wie vor einen leichten Vorsprung. Natürlich sind die Umfragen in den einzelnen Bundesstaaten nur Momentaufnahmen in einem relativ frühen Stadium des Wahlkampfs – gewählt wird erst am 8. November. Doch deuten sowohl die Zahlen auf Bundesebene (Clinton 48,3 Prozent/Trump 42,3 Prozent) als auch Befragungen innerhalb der einzelnen Bundesstaaten darauf hin, dass die Demokratin ihren republikanischen Rivalen vorerst hinter sich gelassen hat.