"Im ersten Moment fühlt man sich in einen afrikanischen Kontext versetzt", sagt Markus Koth, Projektkoordinator der Diakonie Katastrophenhilfe. Er war vor einigen Tagen in Horgos, ein serbischer Ort an der Grenze zu Ungarn, wo rund 400 Flüchtlinge, unter ihnen viele Kinder, zum Teil seit Wochen campieren, um auf einem der letzten verbliebenen legalen Wege in die Europäische Union zu gelangen.

Das Lager ist illegal errichtet. "Die Menschen leben zum Teil in selbstgebauten Hütten aus Ästen und Bäumen und versuchen, ein bisschen Schatten zu bekommen", berichtet Koth dem Tagesspiegel. "Als ich dort war, war es unglaublich heiß. Wir hatten gefühlt bestimmt über 30 Grad."

Die sanitären Bedingungen und die Versorgungslage seien katastrophal. Helfer bekommen nicht regelmäßig Zugang. Es gibt keine Essensausgabe und gerade mal einen Wasserhahn, um den sich alle scharen, um ihre Wäsche zu waschen. Auch gibt es keinen Behandlungsraum für einen Arzt. "Es fehlt praktisch an allem", sagt der Vertreter der Diakonie Katastrophenhilfe über den Ort, der nicht nur ihn an Idomeni erinnert - jenen griechischen Ort an der Grenze zu Mazedonien, wo vor Monaten tausende Flüchtlinge unter erbärmlichen Bedingungen campierten, in der Hoffnung, weiter nach Norden zu gelangen. Erst kamen noch Iraker und Syrer durch, später gar niemand mehr.

"In Horgos entwickelt sich gerade eine ähnliche Situation, allerdings bisher in einem kleineren Rahmen", sagt Koth. Platzt der EU-Türkei-Deal, könnte sich die Lage dramatisch verschärfen. Was schon jetzt so ist wie in Idomeni: Das Leben der Flüchtlinge ist von Hoffnung bestimmt. An zwei Stellen lässt Ungarn täglich jeweils 15 Asylsuchende durch das Tor im Stacheldrahtzaun, der zur Abwehr von Flüchtlingen errichtet worden war: Transitzonen gibt es in Röszke, dem ungarischen Nachbarort von Horgos, sowie baugleich in Tompa, etwa 40 Kilometer weiter westlich. Wartelisten werden erstellt. Und serbische und ungarische Behörden entscheiden gemeinsam, wer von der Liste in eine der zwei sogenannten Transitzonen einreisen und Asyl in Ungarn beantragen darf.

Der afghanische Flüchtling Habib Rahmani, der in im serbischen Städtchen Sid gestrandet ist, berichtete dem Bayerischen Rundfunk: "Wenn sie die 15 mit Familien vollkriegen, dann lassen sie keine allein reisenden Männer mehr rein. Wenn sie wenigstens auf 50 am Tag erhöhen würden, dann können wir alle rein. So muss ich wahrscheinlich acht Monate warten."

Ende Juli traten rund 90 Flüchtlinge im Camp von Horgos in einen tagelangen Hungerstreik. Verbessert hat sich ihre Lage seitdem nicht.

Dass ausgerechnet Ungarn das Ziel der Flüchtlinge ist - jenes Land also, das eine sehr restriktive und wenig Willkommen heißende Politik macht - erscheint nach den Worten von Koth auf den ersten Blick abwegig. Doch Ungarn sei "der einzige noch offene legale Zugang in die EU, wenn man aus Serbien kommt", erläutert er. Und letztlich sei "die Hoffnung der Menschen wahrscheinlich, dass die Reise über Ungarn hinaus weitergeht".

Doch dieser Weg erweist sich für die Flüchtlinge, die es bis Serbien geschafft haben, als weiteres Nadelöhr. Insgesamt 30 Leute pro Tag, die wegen eines Asylantrags vorsprechen dürfen, das ist nicht viel. Viele versuchen in ihrer Verzweiflung dann doch, illegal über die Grenze zu gelangen, eine schwierige und dazu höchst gefährliche Unternehmung.