Wie sich die Bilder gleichen. In Sirte jubelten die jungen Sieger, fuhren hupend mit ihren Geländewagen durch die Stadt und hissten die libysche Flagge über dem bisherigen IS-Kommandozentrum am Mittelmeer.

In der nordsyrischen Stadt Manbidsch ließen sich freudestrahlend Frauen und Männer fotografieren, die einen demonstrativ mit Zigaretten im Mund, die anderen beim öffentlichen Abrasieren ihrer Zwangsbärte. Andere verbrannten auf der Straße ihre Gesichtsschleier, die alle Frauen in der Stadt unter der IS-Tyrannei zu tragen hatten. 

3.000 Kilometer liegen zwischen den beiden Städten, die in der vergangenen Woche vom IS befreit worden sind. In beiden Städten zeugen die Kreuzigungsbalken am Hinrichtungsplatz noch von der Schreckensherrschaft der sogenannten Gotteskrieger. "Möge Gott sie alle vernichten. Sie haben uns abgeschlachtet", schrie ein junger Mann an dem Ort, an dem viele Bewohner geköpft, verstümmelt oder ausgepeitscht wurden.


Eine erfolgreiche Kriegstaktik

Wie in Sirte führte auch in Manbidsch am Ende die gleiche Kriegstaktik zum Erfolg: Eine lokale Streitmacht im Verbund mit westlichen Spezialkommandos griff die Extremisten am Boden an, aus der Luft unterstützt von US-Kampfjägern.

Bereits am Wochenende kehrten Tausende zuvor geflohene Einwohner in ihre Häuser zurück und öffneten ihre Läden. In der Schlacht um Manbidsch starben nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 299 Angreifer und 1.019 Dschihadisten, in Sirte kamen 300 Angreifer ums Leben und fast 2.000 wurden verletzt.

Der IS sei angeschlagen, teilte in Washington das Pentagon mit. Auch wenn diese Einschätzung forsch klingt, die Eroberungen von Sirte und Manbidsch sind wichtige Etappen auf dem Weg zum Ende des "Islamischen Kalifats". Die IS-Pläne, in Libyen ein islamistisches Imperium zu errichten und von dort aus Europa zu bedrohen, sind mit dem Fall von Sirte gescheitert. Durch die Eroberung der syrischen Grenzstadt Manbidsch hat die IS-Führung in Rakka ihre wichtigste Nachschubroute für Rekruten aus Europa und Waffen aus der Türkei verloren. Zuvor hatte die irakische Armee die Extremisten bereits aus Ramadi und Falludschah vertrieben. Im Nordirak eroberten die Peschmerga Sindschar und das Sindschar-Tal zurück und kappten so die Verbindungsader zwischen den beiden IS-Hochburgen Rakka und Mosul. Am Wochenende rückten kurdische Streitkräfte weiter auf Mosul vor, um die Millionenstadt komplett zu umzingeln, in der Abu Bakr al-Bagdadi im Juni 2014 sein "Islamisches Kalifat" ausrief.

Dessen Territorium schrumpft, die Moral der IS-Anhänger wankt, weil sie sich seit Monaten permanent auf dem Rückzug befinden. Die Ausländer unter ihnen fliehen in Konvois in die verbliebenen Kalifatsgebiete. Die Einheimischen werfen einfach ihre Waffen weg und mischen sich unter die Zivilbevölkerung. Die Finanzen schwinden, weil die Dschihadisten immer weniger Untertanen haben, denen sie Steuern abpressen können. Der einst lukrative Ölschmuggel ist dezimiert durch niedrige Weltmarktpreise und konstante Luftangriffe auf Tankwagen. Obendrein bahnen sich zwischen den USA und Russland sowie zwischen der Türkei, dem Iran und Russland schlagkräftige Anti-IS-Bündnisse an, auch wenn diese Staaten sich ansonsten im syrischen Bürgerkrieg als Feinde gegenüberstehen.