Der "Islamische Staat" (IS) hat offenbar Tausende Leichen in Massengräbern verscharrt. Das geht aus einer Recherche der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) hervor. Demnach existieren in Syrien und dem Irak mindestens 72 solcher Gräber. Insgesamt sollen dort zwischen 5.200 und 15.000 vom IS ermordete Menschen vergraben worden sein.

Die Täter unternahmen laut AP keine großen Anstrengungen, um die Gräber zu verstecken. Kämpfer hätten im Gegenteil mit ihnen geprahlt. Die Beweisführung und Strafverfolgung könnte dennoch kompliziert werden, weil sich der Zustand vieler Gräber immer weiter verschlechtere.

Für die Recherche sprachen AP-Reporter vor Ort mit Zeugen und werteten Bilder, Dokumente und einzelne Gräber aus. Viele Massengräber befinden sich den Ergebnissen zufolge noch in umkämpftem Gebiet, sodass sich nicht genau feststellen lässt, wie viele Leichen dort verscharrt wurden. Zudem sei davon auszugehen, dass nach dem Rückzug des IS weitere Gräber entdeckt werden, heißt es in dem Bericht. Dass der IS Massengräber nutzt, um seine Opfer zu begraben, ist bereits länger bekannt. Der Bericht fasst bisherige und neue Erkenntnisse systematisch zusammen.

"Systematische Vernichtung der Jesiden"

Besonders viele Massengräber befinden sich den Recherchen zufolge im Sindschar-Gebirge, in dem der IS monatelang gegen die jesidische Minderheit wütete. "Es gibt eindeutige Beweise für die Absicht, das jesidische Volk zu vernichten", zitiert AP Naomi Kikoler, die die Region für das Washingtoner Holocaust Museum bereist hat. Bisher gebe es vonseiten der irakischen Behörden aber keine Anzeichen für Versuche, die Verbrechen zu dokumentieren und Beweise zu sichern.

Auch in den irakischen Städten Mossul und Tikrit wurden dem Bericht zufolge Massengräber mit mehreren Hundert Leichen gefunden. In Mossul ermordete der IS bis zu 670 nicht sunnitische Häftlinge eines Gefängnisses. In Tikrit sollen Kämpfer des IS nach der Eroberung laut AP rund 1.700 Soldaten erschossen und verscharrt haben. Im syrischen Deir al-Sor befindet sich dem Bericht zufolge ein Massengrab mit rund 400 Leichen. Bei den Toten soll es sich ausschließlich um Mitglieder eines Stammes handeln, der sich gegen den IS gestellt hatte.

Hinterbliebene fordern Ermittlungen und wollen die Leichen ihrer Verwandten exhumieren. "Wir wollen sie rausholen, es sind nur noch Knochen übrig", zitiert AP einen Iraker, dessen beide Söhne vom IS ermordet wurden. Das Gebiet mit den Massengräbern ist längst zurückerobert. Bisher ist es aber nur abgesperrt. Die Behörden lehnen weitere Schritte ab, bis eine offizielle Ermittlungsgruppe ihre Arbeit aufgenommen hat. "Wir warten seit zwei Jahren, bisher ist niemand gekommen."