Dies ist ein historischer Tag. Kolumbiens Regierung und die Guerilla der Farc haben sich geeinigt: Nach Jahrzehnten des bewaffneten Konflikts, fast vier Jahren intensiven Verhandlungen auf Kuba, mitten in einer hitzigen politischen Debatte über die Zukunft des Landes in Kolumbien selbst verkündeten die beiden Parteien am 24. August 2016 ihre Allgemeine Vereinbarung über ein Ende des Konflikts und die Konstruktion eines stabilen und dauerhaften Friedens.

Damit könnte der bisher längste Krieg auf amerikanischem Boden zu Ende gehen. Das Papier ist eindeutig: Die Guerilla verpflichtet sich, die Waffen niederzulegen – und erhält im Gegenzug die Chance, sich im Parlament legal politisch zu engagieren. Sie gibt das Drogengeschäft auf. Schwere Kriegsverbrechen werden juristisch verfolgt. Die Vertriebenen sollen auf ihr Land zurückkehren können, die Überlebenden sollen entschädigt werden, der Agrarsektor entwickelt, Landfragen geklärt. Ex-Guerilleros werden Hilfe erhalten, um ins zivile Leben zurückzukehren.

Die politische Elite

"Die beste Form, einen Krieg zu gewinnen, ist, über sein Ende zu verhandeln", sagte der Chefunterhändler der Regierung, Humberto de la Calle, nachdem er das Abkommen unterzeichnet hatte. "Die bewaffnete Auseinandersetzung ist zu Ende. Jetzt beginnt der Kampf der Ideen", sagte Iván Márquez, der Verhandlungsführer der Guerilla.

So spricht die politische Elite auf beiden Seiten. Die Sicht der kolumbianischen Landbevölkerung auf den Vertrag ist viel schlichter – und viel drastischer zugleich. Auf dem Land leben die Leute seit Jahrzehnten mit dem Krieg. In der Stadt gibt es viele Familien, die vom Konflikt nicht behelligt wurden. Auf dem Land aber sahen die Menschen die Toten, erlebten die Massaker, verloren Angehörige, mussten ihre Kinder von der Guerilla rekrutieren lassen, überlebten selbst Misshandlungen. In manchen Gegenden ist die Hälfte der Bevölkerung offiziell als Kriegsopfer registriert.

Fragt man diese Leute nach ihrer Haltung zum Friedensprozess, sagen sie meist nur: "Wir haben genug gelitten. Es muss ein Ende haben."

Illusionen über das, was jetzt kommt, machen sie sich dennoch nicht. Denn eines ist allen Kolumbianern klar: Ein unterschriebenes Stück Papier allein macht noch keinen Frieden.

Referendum im Oktober

Damit der Frieden Realität werden kann, müsste zunächst die Mehrheit der Bevölkerung dem Abkommen zustimmen. Doch wie das für den 2. Oktober angesetzte Referendum ausgeht, ist völlig offen. Die Mehrheiten sind knapp und wechseln von Umfrage zu Umfrage; Präsident Juan Manuel Santos ist nicht beliebt. Verliert er das Referendum, ist die Chance vertan. Gewinnt er nur knapp, wird es dem Friedensprozess an Legitimität mangeln.

Und selbst wenn eine große Mehrheit mit Ja stimmt: Dann beginnt erst die große Schwierigkeit, die Versprechen des Papiers mit Leben zu füllen.

Ein Ende des Konflikts? Die Spitze der Farc hat versprochen, die Waffen niederzulegen, immerhin. Aber die kleinere Guerilla der ELN war an den Verhandlungen auf Kuba nicht beteiligt. Auch kriminelle Gruppen, Drogenbanden und manche ehemalige Paramilitärs haben der Gewalt nicht abgeschworen. Für manche Farc-Guerilleros wird es einfacher sein, sich ihnen anzuschließen, als den beschwerlichen Weg ins zivile Leben zu wagen. Sie haben nichts anderes gelernt als den Krieg.

Wo ein Leben nichts zählt

Kolumbiens Geschichte ist voller Gewalt. Sie ist alltäglich, für viele hier, auch ohne die ideologische Verbrämung eines vermeintlichen Klassenkampfs. Es gibt immer noch Gegenden, in denen ein Leben nichts zählt. Stadtviertel, in die sich Außenstehende besser nicht hineinwagen. Kriminelle Banden, die von Erpressung und Drogenhandel leben und Konflikte mit Waffen lösen. Paramilitärische Gruppen, die Stadtviertel und ganze Städte tagelang blockieren können, ohne dass die Staatsmacht eingreift. Daran wird auch ein Vertrag zwischen Regierung und Farc so schnell nichts ändern.

Die Integration der Guerilla in die Gesellschaft? Sie könnte nicht nur daran scheitern, dass manche Kämpfer ihre Waffen lieber behalten wollen, sondern auch an den anderen. An den Opfern und den Unbeteiligten, die künftig mit den Ex-Guerilleros Tür an Tür leben und arbeiten sollen. Viele Überlebende sind schwer traumatisiert und können kaum über die Dinge sprechen, die ihnen angetan wurden. Wie sollten sie künftig über sie hinwegsehen? Andere trauen den neuen Nachbarn schlicht nicht. Es wird dauern, bis diese Gesellschaft zusammenwächst.

Die Ungleichheit, der Zündstoff, bleibt

Ein stabiler und dauerhafter Frieden? Der Bürgerkrieg entwickelte sich einst aus der enormen Ungleichheit der kolumbianischen Gesellschaft – an der sich bis heute nichts geändert hat. Kolumbien ist eines der wirtschaftlich ungleichsten Länder Lateinamerikas. Eine Elite aus Bogotá und Medellín beherrscht das Land. Sie lebt in wohlhabenden Verhältnissen. In den Armenvierteln und außerhalb der Städte aber fehlt es zuweilen an den einfachsten Dingen, an grundlegender Bildung, an Gesundheitsversorgung, an halbwegs gut befahrbaren Straßen, selbst an Trinkwasser.

Wo aber investiert wird, kommt das Geld nicht an. Politik ist noch viel zu oft ein Mittel, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Ein egoistisches Geschäft, in dem selbst berechtigte Forderungen der Bevölkerung ignoriert werden. Die wehrt sich durch Demonstrationen, tagelange Generalstreiks, Straßenblockaden. Der Ton der Auseinandersetzung ist häufig aggressiv.

Das zu ändern und eine Gesellschaft aufzubauen, die allen Bürgern eine reelle Chance gibt, etwas aus ihrem Leben zu machen: Das wäre die wichtigste Voraussetzung für den Frieden. Womöglich nehmen sich die ehemaligen Farc-Kämpfer, die nun in die Politik gehen, vor, daraus ihr Programm zu machen. Im besten Fall gelingt es ihnen, im allerbesten Fall beeinflussen sie auch die anderen Parteien.

Und ganz gleich, wie es nun weitergeht: Eine bessere Vereinbarung werden die Kolumbianer so schnell nicht bekommen. Einen Rückfall in den Krieg aber will niemand. Eine Überlebende vom Land sagt es so: "Uns bleibt keine andere Wahl. Wir müssen darauf setzen, dass nach so vielen vergeblichen Versuchen dieser Friedensprozess endlich gelingt."