"Nach allem, was wir durchgemacht haben, ist das hier jetzt das Paradies": Cristina Zapata (rechts) und ihre Nachbarin Claudia aus der Comuna 13 in Medellín © Alexandra Endres

Als Cristina noch zur Schule ging, konnten die Kinder der Comuna 13 kaum unbeschwert nach draußen. "Sogar in der Schule, im Klassenzimmer, mussten wir manchmal vor den Kugeln in Deckung gehen", erinnert sie sich. "Und auf dem Schulweg, immer dicht an die Mauern gedrückt, um uns vor den Kugeln zu schützen, haben wir gesehen, wie die Guerilla Menschen aus ihren Häusern holte und umbrachte."

Zuerst beherrschte die marxistisch-befreiungstheologische ELN den Bezirk, dann wurde die Comuna 13 zur Basis der marxistisch-leninistischen Farc. Irgendeine Gruppe kämpfte hier immer um die Vorherrschaft. Die Akteure wechselten, die Gewalt blieb – so war es in der Comuna 13, und so war es in weiten Teilen Kolumbiens. In Medellín, der Stadt, die jahrelang vom Mafiaboss Pablo Escobar beherrscht wurde, war der Kampf ums Drogengeschäft besonders brutal. Anfang der 90er Jahre hatte Medellín die angeblich höchste Mordrate der Welt: mehr als 390 Morde auf 100.000 Einwohner*.

Im Jahr 2002 war die Comuna 13 das letzte Stadtviertel im ganzen Land, in dem die Guerilla noch Präsenz zeigte. Der damals neue Präsident Álvaro Uribe Vélez beschloss, die Kämpfer gewaltsam zu vertreiben. Am 16. Oktober, Uribe war gerade seit ein paar Wochen im Amt, ließ er die Comuna 13 militärisch mit Hubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen angreifen. Die Soldaten schossen auf alles, was sich bewegte, auf Alte, Frauen und Kinder. Im Schlepptau hatten sie paramilitärische Gruppen, die sich nicht an Recht und Gesetz gebunden fühlten. Das war die Operación Orión: nicht die erste Militäraktion hier, aber die brutalste.

Mit weißen Bettlaken und Taschentüchern baten die Anwohner um eine Feuerpause, aber die Kämpfe hielten vier Tage lang an. Dutzende Zivilisten starben, viele wurden gezielt ermordet. Hunderte verschwanden spurlos. Die Bauschuttdeponie, auf der ihre Leichen vermutet werden, ist von der Comuna 13 aus auch heute noch gut zu sehen.

Ein Staat ohne Legitimität

"Wenn der Staat Leute verschwinden lässt, verschwindet auch der Staat", sagt Jeihhco. "Er verliert seine Legitimität. Also müssen wir unsere eigenen Vorschläge machen. Wir sagen, wir sind nicht einverstanden. Wir machen die Dinge anders." 

Die Operación Orión war ein Wendepunkt für Medellín. Im Jahr 2003 legten die paramilitärischen Gruppen in ganz Kolumbien ihre Waffen nieder; die Behörden sollten sie bei ihrer Rückkehr ins zivile Leben unterstützen. Heute rühmen sie sich in Medellín, besonders viel Erfahrung mit der Reintegration ehemaliger Kämpfer – und der Unterstützung für Vertriebene und andere Kriegsopfer – gesammelt zu haben. Im aktuellen Friedensprozess, in dem die Farc-Guerilla dem bewaffneten Kampf abschwören soll, will die Stadt ein Vorbild sein für ganz Kolumbien. 

Ein Vorbild will Medellín auch im Städtebau sein. Wer im Bürgermeisteramt nach dem Weg zum Frieden fragt, erhält eine Stadtführung zu den wichtigsten Bauwerken der Stadt, die man gezielt in die ärmsten Viertel gesetzt hat: die besten und architektonisch auffälligsten Bibliotheken, Sportstätten, Kulturzentren, Schulen, Kindergärten, in denen auch die Eltern betreut werden, etwa in Erziehungs- oder Ernährungsfragen.

Rolltreppen für ein friedlicheres Viertel

Das Verkehrssystem haben sie ebenfalls erneuert. Heute durchzieht eine Metro die Stadt, an den Hängen ergänzt durch Seilbahnen und escaleras eléctricas, eine Freiluft-Rolltreppe. Am Hang leben die Armen – auch sie sollen in Medellín schnell, komfortabel und zu bezahlbaren Preisen unterwegs sein können. Die Stadt hat Glück: Weil es Medellín wirtschaftlich gut geht, hat die öffentliche Hand Geld, um die Infrastruktur auszubauen und instand zu halten. Die Bürgermeister haben in den vergangenen Jahren gewechselt. Den sozialen Städtebau aber behielten sie alle bei. 

Die Comuna 13, das bekannteste Problemviertel der Stadt, bekam die escaleras eléctricas. Im Zickzack ziehen sie sich heute den steilen Hang hinauf, fast 30 Stockwerke hoch; in Betrieb sind sie montags bis freitags, von sechs Uhr früh bis weit in die Nacht, an Sonn- und Feiertagen von acht bis sieben Uhr.

Nicht nur die Rapper und Graffiti-Künstler haben die Touristen in die Comuna 13 gebracht – es waren die Rolltreppen, würde die Stadtverwaltung wohl sagen. Cristina Zapatas Nachbarin Claudia zumindest ist dieser Ansicht. "Die Rolltreppen haben uns den Frieden gebracht. Verglichen mit all dem, was wir durchgemacht haben, leben wir hier heute im Paradies", sagt die 42-Jährige, die seit fast 40 Jahren in der Comuna 13 lebt. Den beiden Frauen brachten die Treppen immerhin einen neuen Job. Mit einem Dutzend weiterer Nachbarn stehen sie jetzt täglich an der Treppe, helfen Passanten und achten darauf, dass nichts kaputt geht.

Claudia sagt, sie überlege jetzt, sich in der Comuna 13 ein Haus zu kaufen. Es wäre die definitive Entscheidung, im Viertel zu bleiben, trotz seiner brutalen Geschichte.