Die nigerianische Islamistengruppe Boko Haram hat ein Video veröffentlicht, das einige der vor mehr als zwei Jahren entführten Mädchen von Chibok zeigen soll. Darin sagt ein bewaffneter Mann: "Sie sollten wissen, dass Ihre Kinder sich noch in unseren Händen befinden". Die entführten Mädchen könnten freikommen, sobald die Regierung dafür im Austausch inhaftierte Boko-Haram-Mitglieder freilasse. Ansonsten kämen die Mädchen niemals frei, sagte der Mann.

Das Video wurde auf YouTube hochgeladen, verbreitet wurde es von Quellen, die der Terrorgruppe nahestehen. Die auf die Beobachtung von Terrorgruppen spezialisierte Site Intel Group wertete das Video als authentisch. Eine unabhängige Bestätigung gibt es bisher nicht. Für die Authentizität des Videos spricht die Tatsache, dass die nigerianische Regierung mittlerweile mit den Machern des Videos in Kontakt steht. Gegenüber der BBC sagte der Informationsminister Alhaji Mohammed, es sei nicht das erste Mal, dass die Regierung in Bezug auf die Chibok-Mädchen kontaktiert werde. "Wir wollen doppelt sicherstellen, dass wir mit den richtigen Personen sprechen", sagte er.

Kämpfer von Boko Haram hatten im April 2014 im nordöstlichen Bundesstaat Borno 276 überwiegend christliche Schülerinnen aus Chibok entführt. Einige von ihnen entkamen noch im Chaos der Entführung, vor Kurzem wurde ein Mädchen in einem Wald gefunden. Mehr als 200 weitere Mädchen werden weiterhin vermisst.

40 Geiseln sollen bei einem Luftangriff getötet worden sein

In dem Video sagte der mit einer Maschinenpistole bewaffnete Kämpfer: "Die Eltern der Mädchen sollten Druck auf die Regierung machen, unsere Mitglieder freizulassen, damit wir die Mädchen freilassen können." Rund 40 Mädchen seien inzwischen verheiratet worden, einige Mädchen seien bei Luftangriffen der nigerianischen Streitkräfte getötet worden. Der Mann sprach zumeist Hausa, die in Nordnigeria dominierende Sprache.

Die verhüllten Mädchen sitzen oder stehen während des etwa neun Minuten langen Videos still im Hintergrund. Einige weinen, eines trägt ein Baby im Arm, alle tragen Kopftücher. Ein Mädchen wird im Lauf des Videos vor die Kamera geholt, um in einem direkten Appell die Forderung der Geiselnehmer nach einem Gefangenenaustausch zu wiederholen. Auch Aufnahmen von Leichen sind in dem Video zu sehen. Dabei soll es sich um die bei Luftangriffen getöteten Mädchen handeln.

"Der Zustand der Mädchen sollte jeden verstören", sagte Aisha Yesufu der BBC. Sie ist eines der führenden Mitglieder der Bring-Back-Our-Girls-Bewegung, die sich für die Freilassung der Mädchen einsetzt. Yesufu wirft der nigerianischen Regierung Versagen vor. 

Nigerianische Regierung signalisiert Gesprächsbereitschaft

Die Videobotschaft ist das erste Mal, dass Boko Haram Bedingungen zur Freilassung der Mädchen nennt. Regierungssprecher Garba Shehu war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Präsident Muhammadu Buhari hatte in der Vergangenheit bereits signalisiert, dass die Regierung zu Verhandlungen mit den sunnitischen Extremisten über eine Freilassung der Mädchen bereit sei.

Die Entführung der Chibok-Mädchen sorgte 2014 weltweit für Entsetzen. Menschenrechtsgruppen zufolge wurden sie von Boko Haram gezwungen, zum Islam überzutreten. Viele von ihnen würden als Sexsklavinnen missbraucht oder zur Heirat mit Kämpfern gezwungen, andere mussten Selbstmordattentate ausführen. Trotz der Bemühungen der nigerianischen Regierung und einer internationalen Kampagne, die von Prominenten wie der US-First-Lady Michelle Obama unterstützt wurde, ist der Aufenthaltsort der Mädchen unklar. 

Boko Haram kämpft seit Jahren für die Errichtung eines islamischen Gottesstaats im mehrheitlich muslimischen Nordosten Nigerias. Dafür verübte die Gruppe in Nigeria und in den Nachbarländern Kamerun, Niger und Tschad seit 2009 immer wieder Angriffe und Anschläge. Mindestens 20.000 Menschen wurden in dem Konflikt bisher getötet, 2,6 Millionen Menschen wurden durch die Gewalt in die Flucht getrieben. Zeitweise befanden sich nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International mindestens 2.000 Frauen und Mädchen in der Gefangenschaft der Extremisten.