In der syrischen Stadt Sarakeb sind in der Nacht zum Dienstag Behälter mit giftigem Gas abgeworfen worden. Ein Sprecher des syrischen Zivilschutzes gab an, dass 33 Menschen mit Atemproblemen ins Krankenhaus gebracht worden seien, unter ihnen vor allem Frauen und Kinder. Drei Menschen seien in kritischem Zustand. Die Hilfsgruppe der Weißhelme teilte mit, dass ein Hubschrauber zwei Fässer mit Chlor-Kanistern und Eisenkugeln in der Stadt in der Provinz Idlib abgeworfen habe.Unklar war zunächst, von wem der Angriff ausging.

Der syrische Zivilschutz, der sich selbst als neutrale Gruppe freiwilliger Rettungshelfer beschreibt, veröffentlichte ein Video auf YouTube, das Männer in Atemnot zeigen soll. Sie bekommen von Helfern Atemschutzmasken gereicht.

Auch ein Arzt schilderte der BBC, dass er beobachtet habe, dass zwei Fässer über der Stadt in der Region Idlib abgeworfen worden seien. "Wir wissen, dass es Chlor war, da wir davon auch schon in der Vergangenheit in Berührung kamen und wissen, wie es riecht und welche Symptome dabei auftreten können", sagte er der BBC. Seinen Angaben zufolge sind 28 Menschen mit dem Gas in Kontakt gekommen.

Chlor ist eine der wichtigsten Grundchemikalien, die in der Industrie regelmäßig zum Einsatz kommt. Als chemische Waffe ist sie verboten. Bereits vor zwei Jahren hatte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch "starke Hinweise" darauf, dass im syrischen Bürgerkrieg Chlorgas aus der Luft abgeworfen wurde. Wenn diese sogenannten Fassbomben auf die Erde prallen, wird das Gas freigesetzt. Im Jahr 2013 sah auch die BBC starke Indizien dafür, dass Bewohner von Sarakeb Opfer von Angriffen mit Chemiewaffen waren. Die Journalisten beschuldigten das Regime von Baschar al-Assad, die Bomben per Hubschrauber abgeworfen zu haben. 

Idlib wird von der dschihadistischen Rebellengruppe Fatah al-Scham – ehemals die Al-Nusra Front – kontrolliert. Erst am Montag war ein russischer Helikopter über der Provinz abgeschossen worden. Die fünf Besatzungsmitglieder starben. Der Helikopter wurde etwa auf halber Strecke zwischen der umkämpften Großstadt Aleppo und dem russischen Stützpunkt Hmeimim nahe der Küste abgeschossen.

Oppositionelle in dem Bürgerkriegsland hatten dem Regime von Baschar al-Assad wiederholt den Einsatz von Giftgas in dem seit fünf Jahren andauernden Bürgerkrieg vorgeworfen. So machen Aktivisten und westliche Regierungen Damaskus auch für einen Angriff in der Region Maadamijet al-Scham 2013 verantwortlich, bei dem mehr als 1.300 Menschen starben. Doch sowohl die Regierung in Damaskus als auch die Opposition bestreiten, Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Europäische Länder und die USA werfen der syrischen Regierung vor, die Verantwortung für Angriffe mit Chlorgas und andere chemische Waffen zu tragen. Die Regierung in Damaskus und Russland beschuldigen ihrerseits die Rebellen.

Aleppo droht humanitäre Katastrophe

Aleppo selbst wird erbittert umkämpft. Bis zu 300.000 Zivilisten sind dort eingeschlossen, seit syrische Regierungstruppen Mitte Juli einen Belagerungsring um die von Rebellen gehaltenen Viertel gezogen haben. Hilfsorganisationen warnen seit Tagen vor einer humanitären Katastrophe, die UN fordern die Einrichtung von Versorgungskorridoren, um die Menschen mit Wasser, Nahrung und anderen dringend benötigten Hilfsgütern zu versorgen.

Am Wochenende hatten Rebellen mit dem Versuch begonnen, den Belagerungsring zu durchbrechen. Ihr Angriff wurde in den vergangenen Stunden deutlich geschwächt, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet. Russische Luftangriffe hätten die ganze Nacht angehalten. Mit deren Hilfe hätte die syrische Armee Stellungen zurückerobern können, die von den Rebellen am Sonntag eingenommen worden waren. Da insbesondere Aleppo seit Beginn des Bürgerkriegs heftig umkämpft ist, können diese Angaben nicht von unabhängiger Seite bestätigt werden.