Nach fünf Jahren Bürgerkrieg ist das Bündnisgeflecht in Syrien bereits kompliziert. Mit dem Einmarsch der Türkei vergangene Woche wurde die Lage jedoch noch verworrener: Die türkischen Panzer rückten gegen die Kämpfergruppe Demokratische Kräfte Syriens (SDF) vor. Die SDF wird aber von den USA unterstützt – im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS). Kürzlich hatte sie die strategisch wichtige Stadt Manbidsch von den Dschihadisten zurückerobert.  

Ein US-Verbündeter gegen einen anderen US-Verbündeten – da gerät das eigentliche Ziel — die Beseitigung des "Islamischen Staats" — leicht aus den Augen. 

Das ist zumindest die Sichtweise des Westens. Die türkische Regierung hingegen sieht in ihrer Militäroffensive keinen Widerspruch: die Türkei gehe gegen Terroristen vor, die ihr Land bedrohen, heißt es in Ankara

Die Vielzahl der bewaffneten Kräfte erschwert das Verständnis der Lage in Syrien. In dem Land kämpfen neben dem kurdisch-dominierten Militärbündnis SDF, den USA und der Türkei auch noch die Rebellengruppe Freie Syrische Armee FSA sowie die Dschihadisten des "Islamischen Staats".

Die SDF wird von der syrisch-kurdischen Miliz YPG dominiert. Deshalb ist sie in den Augen der Türkei eine Bedrohung. Denn die Regierung in Ankara sieht die YPG als den syrische Arm der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK. Sie will deshalb verhindern, dass diese direkt an der türkischen Grenze ein ununterbrochenes Stück Land beherrscht — und einen quasi-unabhängigen Kurdenstaat aufbaut. Deshalb bekämpft die Türkei die YPG-dominierte SDF.

Die Rebellengruppe FSA wird von der Türkei jedoch unterstützt. Auch von den USA erhält die FSA Hilfe – der FSA gehören von amerikanischen Geheimdiensten unterstützte Rebellengruppen an. Vergangene Woche eroberte die FSA die Stadt Dscharabulus von den IS-Dschihadisten zurück – im Bündnis mit türkischen Panzern und Spezialeinheiten sowie der US-Luftwaffe. 

Jetzt auch gegen die US-unterstützten Kurden

Doch am Wochenende änderte sich die Stoßrichtung der FSA: Sie rückte nicht mehr nur gegen den IS, sondern gegen die von der Kurdenmiliz YPG dominierte SDF vor – das von den USA ebenfalls unterstützte, aber von der Türkei bekämpfte Militärbündnis. Es kämpften somit zwei Gruppen gegeneinander, die von den USA unterstützt werden.

Die FSA hat kein Problem damit, gegen die YPG zu kämpfen. Die syrischen FSA-Rebellen sehen die Kurden als Verbündete des syrischen Regimes von Baschar al-Assad. In der Tat tolerieren die Kurden die Präsenz der Regimeregierung in Teilen ihrer Gebiete. Deshalb blieb ihnen eine zerstörerische Bombardierung wie in Aleppo oder Homs bisher erspart.

Die Türkei unterstützt den Kampf gegen den US-Verbündeten YPG im vollen Bewusstsein. Der türkische Staatspräsident Erdoğan kündigte am Wochenende an, dass er den IS und die YPG-Miliz mit "derselben Entschlossenheit" bekämpfen wolle. "Kommt," rief er jubelnden Anhängern in der südlichen Stadt Gaziantep zu, "lasst uns gemeinsam von der Geißel des Terrors befreien." Der Besuch war ein Symbol: In Gaziantep hatte sich kürzlich ein IS-Selbstmordattentäter bei einer kurdischen Hochzeitsfeier in die Luft gesprengt. Mit ihm starben 54 Hochzeitsgäste.

Alle gegen die Türkei?

In dieser komplizierten Lage fällt es dem Westen immer schwerer, sein Verhältnis zu den einzelnen Gruppen und Parteien zu bestimmen. Denn in der Türkei wird mit Terror nur noch selten eine einzelne Gruppe beschrieben. Tatsächlich plagen mit dem IS und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK zwei Terrorgruppen das Land; seit letztem Sommer sind Hunderte von Menschen bei Terrorattacken gestorben. Regierungsfreundliche Kommentatoren in der Türkei sprechen gerne von einem "Terrorcocktail", ein Wort, das der ehemalige Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu nach dem IS-Anschlag in Ankara letzten Oktober erfand.