ZEIT ONLINE: Herr Helgren, seit Anfang dieser Woche gilt in Texas das Campus-Carry-Gesetz. Studenten haben nun das Recht, Waffen mit in die Uni zu nehmen. Fühlen Sie sich heute sicherer als noch vor einer Woche?

Kevin Helgren: Das kann ich wohl erst in ein paar Wochen beantworten. Aber im letzten Jahr habe ich einen Kurs zum Thema "Grenzen und Dilemmata" belegt – wir haben über Abtreibung, Religion, gleichgeschlechtliche Ehe und die Todesstrafe gestritten. Das sind wirklich emotional aufgeladene Themen. Damals habe ich mich getraut, meine Meinung zu sagen und auch all jenen zu widersprechen, mit denen ich nicht einverstanden war. Ich weiß nicht, ob ich heute immer noch so frei reden würde, jetzt wo ich befürchten muss, dass mein Sitznachbar eine Pistole im Rucksack hat.

ZEIT ONLINE: Warum glauben Ihre Kommilitonen, einander mit Waffen beschützen zu müssen?

Helgren: Viele Studenten fürchten sich vor der Gewalt in unserem Land. Und furchtbare Angriffe gibt es ja nicht nur hier: die Attacken in München, in Dallas, der Terroranschlag in Nizza. Die Leute sind völlig aufgekratzt und beharren auf dem zweiten Artikel der amerikanischen Verfassung, der ihnen das Recht auf Waffenbesitz zusichert. Sie sind fasziniert von der Idee, sich selbst verteidigen zu können.

Trotzdem glaube ich nicht, dass die University of Texas durch das Gesetz sicherer wird. Nur weil jemand nach einem achtstündigen Kurs einen Waffenschein ausgestellt bekommt, kann er doch keinen Amokläufer aufhalten. Wir haben eine gut ausgebildete Campus-Polizei – deren Leute sind darauf spezialisiert, in kritischen Situationen das Richtige zu tun. Ihnen sollten wir den Job überlassen.

ZEIT ONLINE: Hat schon jemand von seinem neuen Recht Gebrauch gemacht?

Helgren: Das Gesetz regelt nur den Umgang mit verdeckten Waffen – wenn die Leute eine Pistole unter dem T-Shirt tragen, kann ich das ja nicht sehen. Außerdem haben wir aktuell Sommerferien, auf dem Campus sind kaum Studenten unterwegs. Ob das Gesetz uns hier Probleme macht, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Ich selbst habe ohnehin kaum etwas mit überzeugten Waffenbesitzern zu tun – schließlich lehne ich deren Beweggründe ab.

ZEIT ONLINE: Wieso haben Sie sich gegen das neue Gesetz denn nicht gewehrt?

Helgren: Das haben wir, die ganze Studentenschaft hat eine extrem aktive Rolle im Kampf gegen die Campus-Carry-Regel gespielt. Als im Parlament von Texas vor eineinhalb Jahren über das Gesetz beraten wurden, waren wir im Saal und haben protestiert. Aber leider ist uns erst zu spät klargeworden, worum es da wirklich geht. Lange hatte niemand das Gefühl, dass wir wirklich etwas tun müssen, weil einfach keiner von uns daran geglaubt hat, dass es so ein Gesetz jemals geben würde. Als wir dann mit unseren Protesten begonnen haben, hatten sich die Gesetzgeber in Dallas schon festgelegt.