Manche Leser haben auf meine Kolumne vom vorigen Dienstag verwundert reagiert. Warum ich denn Erdoğan so scharf kritisiere – ich sei doch immer für den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union gewesen?

Sie haben völlig recht. Ich war – anders als Helmut Schmidt, mit dem ich darüber oft gestritten habe – immer der Ansicht, dass die Türkei zu Europa gehöre. An dessen Geschichte hat sie ein halbes Jahrtausend lang teilgehabt. Sie zurückzustoßen in den Orient, erschien mir (und erscheint mir noch heute) als völlig verfehlt.

Aber, liebe Kritiker: Ich war immer der Ansicht, dass nur eine Türkei Aufnahme in die EU finden kann, die eindeutig die drei Kopenhagener Kriterien erfüllt: erstens Demokratie, Rechtsstaat, Beachtung der Menschenrechte, Respekt für Minderheiten und deren Schutz; zweitens eine funktionierende Marktwirtschaft, die dem Druck des Wettbewerbs und der Marktkräfte standhalten kann; und drittens den Willen nicht nur zur Mitgliedschaft, sondern auch dazu, sich die Ziele einer politischen Union sowie der Wirtschafts- und Währungsunion zu eigen zu machen.

Ich räume ein: Ich glaubte, dass die Türkei sich an einen Punkt entwickeln werde, an dem sie diese Voraussetzung erfüllt. Ich bekenne auch, dass ich, als Erdoğan ans Ruder kam, ihn für einen Staatsmann hielt, der sein Land dahin bringen würde. Er schickte das Militär hinter die Kasernenmauern; er suchte Frieden mit den Kurden; er schien bereit, der Teilung Zyperns ein Ende zu setzen; und er kurbelte die Wirtschaft in einer Weise an, die den Neid und die Bewunderung aller Nachbarn erregte.

Nicht jedwede Türkei gehört in die EU

Ich weiß nicht, weshalb Erdoğan von diesem vielversprechenden Kurs abgegangen ist. Hat er zu Beginn bloß seine wahren Absichten verborgen? Hat die Art, wie ihm Europa seit Beginn der Beitrittsverhandlungen im Jahre 2005 die kalte Schulter zeigte, allen voran unsere CDU, ihm die Lust an Europa verdorben? Die Meinungen der Experten gehen in diesem Punkt auseinander. Fest steht nur: Wie die Dinge liegen, wird eine Erdoğan-Türkei niemals Mitglied werden. Ich bedaure, dass es so gekommen ist – aber ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich nicht jedwede Türkei in der Brüsseler Gemeinschaft sehen möchte. Zum Beleg drei alte Zitate:

1996. "Die Türkei hat eine Bringschuld. Sie kann ein Bollwerk westlicher Werte gegenüber dem islamischen Fundamentalismus sein, ein Vorposten der Demokratie, die Brücke zwischen Orient und Okzident, ein stabilisierender Faktor in einer unruhigen Weltregion. Aber... dann muss das Land aus seinen halbdemokratischen Anwandlungen, seiner gesellschaftlichen Zerklüftung, seiner vergiftenden Kurdenpolitik und seiner grobschlächtigen Zypernpolitik heraus... Die Türkei kann ein Stück Europa werden, wenn sich am Ende durchsetzt, was achtzig Prozent der Türken ohnehin wollen: eine Demokratie ohne Schranken und Fesseln."

1998. "Wer die Mitgliedschaft anstrebt, muss die Clubregeln akzeptieren – oder er muss draußen bleiben... Eine islamistische Türkei passt nicht zu Europa. Aber eine kemalistische Türkei, in der letztendlich die Militärs über den zulässigen Grad freiheitlicher Demokratie bestimmen, gehört ebenso wenig in die Europäische Union wie ein Koranstaat Türkei."

2004. "Ich möchte hoffen, dass bei nüchterner Abwägung aller Faktoren am Ende der türkische Beitritt eine Mehrheit findet – immer vorausgesetzt, dass die türkischen Militärs sich nicht abermals an die Macht putschen wie 1960, 1970 und 1980, oder aus ihren Kasernen heraus der Regierung ihren Willen aufzwingen, wie sie dies bis in die jüngste Zeit hinein getan haben; weiter vorausgesetzt, dass sich der wirtschaftliche Aufschwung des Landes fortsetzt; und vorausgesetzt schließlich, dass der türkische Islam nicht zur Beute radikaler Islamisten wird, sondern sich stetig in Richtung auf einen toleranten, modernisierungsfreundlichen, liberalen Islam hinentwickelt. Fortschreitende Ent-Kemalisierung (im Sinne von Entmilitarisierung der Politik), wirtschaftliche Entwicklung und Herausbildung eines europaverträglichen Islam sollten zur Legitimierung des türkischen EU-Beitritts ausreichen."

Doch die Hoffnung wurde enttäuscht. Erdoğan hat die Militärs gebändigt; gut so. Aber zugleich ist seine Neigung immer stärker geworden, die Türkei zu islamisieren, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken, die Verfassungsorgane zu missachten, die Opposition durch Aufhebung der Immunität ihrer Abgeordneten auszuschalten. Und sollte ihm tatsächlich eine Mehrheit der Türken dafür zujubeln, würden sich die Aussichten für einen EU-Beitritt vollends auf lange Sicht verdüstern.

Eine andere Türkei jedoch – ungeknebelt und ungegängelt, frei, tolerant, befriedet – wäre mir nach wie vor willkommen in der Europäischen Union. Ich fürchte allerdings, dass ich das nicht mehr erleben werde.