Wenn der russische Präsident am kommenden Dienstag in St. Petersburg den türkischen Staatschef trifft, macht sich einer von beiden ganz klein. Es ist Tayyip Erdoğan, der alle Vorbedingungen von Wladimir Putin für den Besuch erfüllt hat. Erdoğan hat sich für den Abschuss des russischen Kampfflugzeugs an der türkisch-syrischen Grenze im November 2015 bei den Hinterbliebenen in einem offiziellen Brief entschuldigt. Dem mutmaßlichen Mörder des russischen Piloten, einem türkischen Nationalisten, wird der Prozess gemacht. Und die Türkei zahlt eine Entschädigung an Russland. Ein Kniefall, nicht weniger.

Noch bevor die beiden sich treffen, lassen sich Gewinner und Verlierer der Annäherung ausmachen. Und je nachdem, wie eng die Beziehungen nach dem Aufwärmbesuch noch werden, könnte der Kreis der Verlierer überraschend groß werden. Auch im Westen.

Den Hauptgewinn hat ohne Zweifel Wladimir Putin gezogen. Er bekommt alles, was er wollte – und reicht dem reuigen Erdoğan nun gnädig die Hand zur Versöhnung. Russland weitet seinen Einfluss im Nahen Osten erheblich aus. Nach Assads Restsyrien, dem geschwächten Ägypten, dem ambitionierten Iran und dem von Amerika entfremdeten Israel sucht nun auch die Türkei seine Nähe.

Große Chancen rechnet sich die russische Energiewirtschaft aus. Die Russen werden das Atomkraftwerk im türkischen Akkuyu zu Ende bauen. Gazprom freut sich schon auf neue Röhren im Schwarzen Meer, Turkish Stream genannt. Durch sie wird bei einem Ausbau mehr sibirisches Gas in die Türkei fließen, aber auch mehr davon nach Südeuropa geliefert werden. Turkish Stream steht in Konkurrenz zum Gas aus Aserbaidschan und – Vorsicht, Gerhard Schröder! – auch zum geplanten Ausbau der Nord-Stream-Pipeline in der Ostsee.

Auf türkischer Seite haben die Produzenten von Grünzeug aller Art Grund zum Frohlocken. Im Gegensatz zu den spanischen, italienischen und griechischen Rivalen dürfen sie wieder Obst und Gemüse in russische Supermärkte liefern. Die Hotel- und Restaurantbetreiber an den türkischen Küsten werden die russischen Pauschaltouristen wieder begrüßen dürfen. Und die türkischen Geheimdienste hoffen auf Informationen der russischen Aufklärer über dschihadistische Terroristen aus Eurasien. Die Attentäter am Istanbuler Flughafen stammten aus der Ex-Sowjetunion.

Große Verlierer dagegen könnten viele Syrer sein. Putin, sagen Beobachter in Moskau, wolle Erdoğan einen Deal vorschlagen. Wenn die Türken aufhören, die Opposition gegen Assad zu unterstützen, dann werde Moskau seine Hilfe für die syrischen Kurden einstellen. Ginge Erdoğan darauf ein, könnte das Schicksal Aleppos besiegelt sein. Das Nachsehen hätten die Bewohner der Millionenstadt und die zahlreichen Oppositionsgruppen, die von Hilfslieferungen über türkisches Territorium abhängen. Und die syrischen Kurden würden, wendete sich Putin ab, allein noch am Tropf der Amerikaner hängen.

Die USA sind aber selbst ein Verlierer des russisch-türkischen Zusammenrückens. Sie müssen nicht nur zusehen, wie Putin seinen Einfluss bei ihren guten Verbündeten im Nahen Osten stark ausweitet. Sie könnten, wenn es ganz schlecht läuft, einen langjährigen Nato-Verbündeten verlieren. Das würde auch die Europäer hart treffen. Die Türkei sichert die Südflanke der Allianz und hat die nach Truppenzahlen zweitgrößte Armee des Bündnisses.

Noch ist es nicht so weit. Aber Erdoğan wütet sich von Tag zu Tag in immer heftigere Drohungen gegen den Westen hinein. Ankara schreckt die EU mit der möglichen Kündigung des Flüchtlingsabkommens. Erdoğan beschuldigt die USA, hinter dem Putsch zu stecken. Die schlichteren Gemüter unter den westlichen Politikern reagieren auf sein Brüllen mit Gegengrölen, wo einfaches Schweigen die bessere Taktik wäre.

Eine rhetorische Eskalation kann bei einem Mann wie Erdoğan zu Kurzschlusshandlungen führen. Im derzeitigen nationalistischen Taumel und dem Maulkorb für die Kritiker könnte er sowohl den Abbruch der EU-Verhandlungen als auch den Nato-Austritt durchdrücken. Aber wie gesagt: Bis dahin ist es noch weit. Auch, weil viele Türken wissen, dass sie selbst der größte Verlierer wären. 

Ein Bruch mit dem Westen hieße, alle Träume begraben, die die meisten Türken seit dem Republikgründer Kemal Atatürk hegen. Allein die Zollunion mit der EU ist viel mehr wert als alles, was das wirtschaftlich schwache Russland anbieten kann. Der Eurasischen Wirtschaftsunion tritt nur bei, wer absolut nicht anders kann. Die Nato aber wäre durch gar nichts zu ersetzen. 

Für das Treffen von St. Petersburg ist Erdoğan Putin nachgelaufen, und das wird ihre künftige Beziehung bestimmen. Putin ist der Boss. Sollte Erdoğan die Brücken nach Westen sprengen, würde Putin zum absoluten Hegemon. Wenn Erdoğan wissen will, was er in der Konstellation zu erwarten hat, kann er ja mal die Armenier oder Kasachen fragen.