Wer uns fürchtet, der hat Respekt. Mit dieser Volksweisheit haben sich viele Russen aus der Generation von Wladimir Putin die Stellung ihres Landes in der Welt schon zu Sowjetzeiten schöngeredet. Und so müsste der russische Präsident die westlichen Debatten derzeit mit gewisser Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Egal ob Syrien-Krise, die Flüchtlingsfrage oder Brexit, überall sollen Putin und seine Geheimdienste die Finger im Spiel haben. Oder sich zumindest als lachender Dritter über diese Probleme freuen. Doch all das wird noch getoppt durch die neueste Vermutung, der Kreml mische sich aktiv in den US-Wahlkampf auf Seiten des Republikaners Donald Trump ein.

Die jüngsten Anschuldigungen, russische Hacker hätten im Staatsauftrag die Server der Demokraten gehackt und interne Mails ans Tageslicht befördert, die die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in einem schlechten Licht dastehen lassen, sind nur ein Teil der Vorwürfe. Der Ökonom und Kolumnist der New York Times Paul Krugman bezeichnete den Republikaner Donald Trump kürzlich gar als den "Sibirischen Kandidaten" in Anspielung an den Roman The Manchurian Candidate von 1959, in dem sich der Sprössling einer Politikerdynastie dank Gehirnwäsche von Kommunisten als Killer missbrauchen lässt.

Krugman ist mit seiner Meinung, Trump habe eine verdächtige Nähe zu Moskau, bei Weitem nicht allein. Die Kreml-Verbindungen, die dem Republikaner zugeschrieben werden, lassen sich etwa so zusammenfassen: Der Milliardär soll nicht nur selbst geschäftliche Interessen in Russland haben. Auch Mitglieder seines Teams hätten Verbindungen zu russischen Oligarchen und bereits mit anderen moskautreuen Regimes kooperiert, wie etwa dem des gestürzten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Ein weiterer Hinweis sei Trumps Haltung in der für Russland immens wichtigen Krim-Frage, bei der er bereits so etwas wie Verhandlungsbereitschaft andeutete. Letzlich sollen sich Trump und Putin einfach mögen, schließlich haben sie bereits öffentlich Komplimente ausgetauscht. 

Kann es also sein, dass Putin am Ende zumindest mitentscheidet, wer ins Weiße Haus einzieht und welche Politik dieser Präsident künftig macht? Das Erstaunliche an diesem Vorwurf, ist nicht nur seine Schwere. Es ist auch die Beweislage. Denn eine genaue Prüfung fördert ziemlich dünne Argumente ans Tageslicht. So sind Trumps Versuche allesamt gescheitert, in Russlands Businesswelt Fuß zu fassen, während die Tätigkeit von Paul Manafort, Trumps heutigem Wahlkampfmanager, für Janukowitsch vor einigen Jahren dem Kreml eher ein Dorn im Auge gewesen ist. Selbst bei dem Hackerangriff bleiben viele russische IT-Sicherheitsexperten skeptisch. Gerade die Vielzahl der Spuren, die nach Russland führen soll, spricht gegen eine direkte Geheimdienstaktion. Zumal dem Kreml bewusst sein müsste, dass das Auffliegen dieser Aktion Trump am Ende viel mehr schaden würde als Clinton.

So ist auf ironische Weise das stärkste Argument für eine angebliche Trump-Putin-Verschwörung gleichzeitig auch das schwächste. Denn das Motiv des Kremls sich in den US-Wahlkampf einzumischen, ohne dass das Konstrukt des "Sibirischen Kandidaten" zu bröckeln beginnt, bleibt der Nutzen, den Wladimir Putin aus einem Wahlsieg Trumps ziehen würde.

Tatsächlich gehört Trump zu jener Politikersorte, mit der Wladimir Putin persönlich am besten umgehen kann. Einer wie Silvio Berlusconi zum Beispiel oder in etwas milderer Form Gerhard Schröder. Bei solchen Freundschaften geht es nicht um echte persönliche Sympathien. Trump dürfte auch in Putins Augen für jene angeblich kulturfremden und einfältigen Amerikaner stehen, die Russlands Propaganda stets verspotten.