Wenn ich an Russland denke, schießen mir zwei Fragen durch den Kopf. Erstens: Was ist eigentlich in Wladimir Putin gefahren? Im Oktober 2002 hielt er im Bundestag eine viel beklatschte Rede. Darin beschwor er die "Ideen der Demokratie und der Freiheit" und das Projekt des "vereinigten Europas", das er "mit Hoffnung" sah. Sein erklärtes Ziel war es, "Europas Möglichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands" zu vereinigen. Warum hat er sich abgewendet von Europa, überhaupt vom Westen?

Zweitens: Wie steht es um das Minsker Abkommen zur Beendigung des Ukraine-Konflikts? Welche Chancen hat es noch?

Beide Fragen habe ich vergangene Woche Dmitri Trenin gestellt, dem Direktor des Carnegie Moscow Center. Bei der Bucerius Summer School der ZEIT-Stiftung sprach er über Russlands Außenpolitik. Ich kenne und schätze sein Urteil seit den 1980er Jahren; damals bin ich ihm im USA- und Kanada-Institut Georgi Arbatows zum ersten Mal begegnet, des russischen Henry Kissingers, bei dem Trenin gerade seinen Doktor machte. Getting Russia Right – Russland richtig verstehen – lautet der Titel eines seiner Bücher. Wie alles, was er schreibt, fand ich es höchst bemerkenswert.

In Putins Moskau ist Dmitri Trenin, Jahrgang 1955, eine außergewöhnliche Erscheinung. Er begann seine Karriere in der Roten Armee, aus der er 1993 im Range eines Obersten ausschied. In den Jahren davor hatte er im Irak gedient, in der DDR, bei den russisch-amerikanischen Abrüstungsverhandlungen in Genf, als Lehrer an der Moskauer Kriegsakademie. Seit 1993 gehört er dem Carnegie Moscow Center an, dem angesehensten Thinktank Russlands. Dessen Direktor ist er seit 2008. Er spricht akzentfreies Amerikanisch und ist ein weltweit angesehener unabhängiger Kopf.

Er fühlte sich vom Westen im Stich gelassen

Die Abkehr Putins von Europa und – noch entschiedener – von den Vereinigten Staaten kam nach Trenins Einschätzung nicht aus heiterem Himmel. Putin strebte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ein Bündnis mit den USA an und leistete Amerika wertvolle Hilfe im Kampf gegen Al-Kaida und die Taliban in Afghanistan. Doch dann kündigte George W. Bush den Raketenabwehr-Vertrag, die baltischen Republiken wurden in die Nato aufgenommen, die Amerikaner setzten sich militärisch in Georgien und Zentralasien fest. Auch fühlte Putin sich 2004 nach dem tschetschenischen Terroranschlag von Beslan im Stich gelassen.

Seine Abwendung vom Westen wurde schon 2007 in der Münchner Sicherheitskonferenz sichtbar. Auf der Bukarester Nato-Konferenz warnte Putin im Frühjahr 2008 vor einer Aufnahme der Ukraine in die Atlantische Allianz. Den Georgien-Krieg führte er 2008 auf die Machenschaften von Russland-Gegnern um US-Vizepräsident Dick Cheney zurück.

In den vier Jahren der Präsidentschaft Medwedews bis 2012 scheiterte dann auch der letzte Versuch eines Ausgleichs. Der Westen lehnte sowohl eine engere Sicherheitspartnerschaft als auch eine wirtschaftliche Modernisierungspartnerschaft ab. Wohl gab es noch den New-Start-Vertrag, aber der Moskauer Vorschlag einer gemeinsamen Raketenabwehr verfiel ebenfalls der Ablehnung. Dass der Westen aus dem UN-Mandat für eine Flugverbotszone in Libyen das Recht ableitete, Gaddafi zu stürzen, war dann wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

"Da seine Absicht vereitelt wurde, ein Verteidigungssystem mit dem Westen zu bauen, entschied sich Putin, es gegen den Westen zu errichten", so Trenin. Statt auf Integration mit dem Westen verlegte sich der Kreml-Herr nun darauf, "Russlands ureigene Identität in einem höchst kompetitiven globalen Umfeld" zu wahren. Russlands Unabhängigkeit, seine Souveränität und sein Anspruch auf Ebenbürtigkeit wurden damit zu obersten nationalen Werten.

"Die Hand am Puls des Volkes"

Zugleich macht Trenin eine tiefe innere Sinneswandlung bei dem Kreml-Machthaber aus. In einem Wort: Er wurde fromm. Das "postchristliche Europa", predigte er, zeichne sich durch moralischen Relativismus aus. Es habe begonnen, "seine Wurzeln zu verleugnen, darunter die christlichen Werte, auf denen die westliche Zivilisation gründet". Dem setzte Putin die Werte der "russischen Welt" entgegen: die Heiligkeit der Familie, die Verwurzelung im orthodoxen Glauben, einen gänzlich auf den Staat zentrierten Patriotismus. Diese "russische Welt" deckt sich weithin mit dem kanonischen Hoheitsgebiet der Russisch-Orthodoxen Kirche; sie umschließt Russland, Weißrussland, die Ukraine und Moldau. Einer der engsten Berater Putins ist Pater Tichon Schewkunow, Abt eines Moskauer Klosters.

"Russlands politisches System ist eindeutig zaristisch, und Putin kommt einem absoluten Monarchen näher als irgendein anderer Staatenlenker", ist Dmitri Trenins Ansicht. Doch fügt er hinzu: "Als Präsident hat er die Hand am Puls des Volkes. In dieser Tatsache, nicht etwa in Regierungspropaganda oder in allen möglichen Machenschaften, liegt das Geheimnis seines Machterhalts – in der Zustimmung der Regierten." Ein Machtwechsel würde wenig Wandel bringen, "denn wir haben es mit Russlands Putin zu tun, nicht mit Putins Russland". Kernig setzt Trenin hinzu: "Russland bleibt vorerst autokratisch. Die Alternative zur Autokratie ist das Chaos."

Europas Aufgabe: einen Krieg verhindern

Was die Ukraine und die Aussichten der Minsker Vereinbarung betrifft, so bleibt der Moskauer Carnegie-Chef skeptisch. Die Ukraine-Krise sei nur ein Symptom der neuerlichen Ost-West-Spannung, nicht jedoch deren Ursache. An eine baldige große Lösung, einen pauschalen Ausgleich im Entwurf einer neuen Weltordnung, glaubt er nicht. Minsk hat in seiner Sicht nur einen einzigen Zweck: eine Eskalation zu verhindern und den gegenwärtigen Zustand einzufrieren. Mehr sei derzeit "nicht drin".

Für die Regierung in Moskau, meint Trenin, sei Minsk akzeptabel – nicht allerdings für die in Kiew. Seine Begründung: Minsk sehe vor, dass die Donbass-Separatisten in die Rada einzögen, das ukrainische Parlament; das Abkommen würde der Ukraine enorme Ausgaben für die abtrünnige Provinz aufbürden; Kiew könne in puncto Souveränität und territoriale Integrität keinerlei Kompromiss eingehen. Die Krise am Köcheln zu halten sei daher für den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko die bei Weitem beste Lösung.

Für Russland hingegen komme es vor allen Dingen darauf an, die Aufnahme der Ukraine in die Nato zu verhindern und sie als Pufferzone zu erhalten, so Trenin. Eine endgültige Lösung – vollständige Rückgabe des Donbass gegen Anerkennung der Zugehörigkeit der Krim zu Russland – sei bestenfalls in der Zukunft denkbar. Eine Nichtlösung berge jedoch große Gefahren.

Da der Draht zwischen Kiew und Moskau total abgerissen sei, meint Trenin, sei es Europas Aufgabe, einen Krieg zu verhindern: "It is Europe's task to manage the confrontation."

Dmitri Trenin ist Russe, aber als Direktor des in Amerika verwurzelten Carnegie Center alles andere als ein Kreml-Propagandist. Seine Analysen liefern immer viel Stoff zum Nachdenken.