Noch 2011, zehn Jahre nach dem 11. September, bebte die US-Regierung vor Optimismus: "Wir sind nahe dran, Al-Kaida strategisch zu besiegen", brüstete sich der damalige Pentagon-Chef Leon Panetta. Im Nahen Osten blühte der Arabische Frühling. Die Uhr der Bin-Laden-Terroristen schien endgültig abgelaufen, ihre hasserfüllte, islamistische Ideologie angesichts der keimenden Demokratiehoffnungen ein Auslaufmodell. Doch die Prognosen vom absehbaren Ende der Terrorgruppe erwiesen sich als falsch.

Heute, 15 Jahre nach den simultanen Flugzeugattentaten auf die Twin Towers in New York und das Pentagon in Washington, versinkt die gesamte arabische Region in Chaos, Krieg, Diktatur – und Al-Kaida ist stärker als je zuvor. Selbst die neue Terrorkonkurrenz vom "Islamischen Staat", die mit ihrer schieren Brutalität und ihren blitzartigen Offensiven in Syrien und Irak seit Mitte 2014 die Aufmerksamkeit ganzen Welt auf sich zog, hat den Gotteskriegern und ihrer afghanischen Zentrale nicht geschadet.

Unbeirrt befestigten sie im Windschatten des IS-Medienhypes vor allem in Syrien und im Jemen ihre Macht, umwarben Verbündete in der lokalen Bevölkerung und brachten zahlreiche Enklaven und Gebietsstreifen unter ihre Kontrolle. Im Umgang mit den Leuten vor Ort erließ die Al-Kaida-Führung unter Bin-Laden-Nachfolger Aiman al-Sawahiri "neue Richtlinien für den Dschihad". Diese wiesen die Kämpfer an, Gewalt gegen Minderheiten und nicht-sunnitische Muslime zu meiden, weil dies eine "Revolte der Massen" auslösen könne.

Extremisten als Wölfe im Schafspelz

Weiter hieß es in dem Text, die eigenen Leute sollten keine Frauen und Kinder töten, Attentate auf Märkte und Moscheen stoppen sowie stärker mit anderen islamistischen Gruppen kooperieren, "selbst solche, mit denen Al-Kaida tiefe ideologische Differenzen hat". Lokale Gründungen in Tunesien, Libyen und Syrien gaben sich mit Ansar al-Scharia oder Dschabhat al-Nusra sogar neue Namen, um ihre Bindung zu Al-Kaida zu verschleiern. Lediglich die mächtige Filiale im Jemen und der Ableger in Algerien machten diese taktischen Schachzüge nicht mit und ließen es bei "Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel" und "Al-Kaida im Islamischen Maghreb".

Dschabhat al-Nusra in Syrien, die sich kürzlich in Dschabhat Fatah al-Scham umetikettierte, verfügt inzwischen über 7.000 bis 8.000 Kämpfer. Mehr als 70 Prozent sind Einheimische, weil sich die Organisation bewusst den Anstrich einer nationalen Rebellenbewegung gibt. Seine stärkste Präsenz hat der Januar 2012 gegründete Al-Kaida-Zweig derzeit in der nordwestlichen Provinz Idlib sowie im Süden der Provinz Aleppo. Wie der IS strebt auch Al-Nusra nach einem Islamischen Emirat im Post-Assad-Syrien – allerdings als langfristiges Fernziel. Um von der Bevölkerung akzeptiert zu werden, geben sich die Extremisten als Wölfe im Schafspelz und kümmern sich auch um die Probleme des Alltags. Sie beaufsichtigen Bäckereien und zwingen deren Besitzer, ihre Preise zu senken. Sie organisieren Lieferungen von Gas, Trinkwasser und Nahrungsmitteln, die ebenfalls günstig abgegeben werden.

Ähnlich operiert auch "Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel" im Jemen, aus westlicher Sicht nach wie vor der gefährlichste Arm des Terrornetzwerks. In den Jahren 2009 und 2010 konnten zwei Flugzeuganschläge auf die USA in letzter Minute verhindert werden. Im Januar 2015 verübte ein französisch-algerisches Brüderpaar, das im jemenitischen Hochland trainiert worden war, ein Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris und ermordete zwölf Menschen.

Vor allem im Jemen, aber auch in Pakistan sind die Vereinigten Staaten den Terrordrahtziehern mit ihren Drohnen nach wie vor hart auf den Fersen. Im Juni 2015 gelang der bisher letzte spektakuläre Erfolg. Der langjährige jemenitische Al-Kaida-Chef Nasser al-Wuhaischi wurde von einer Rakete getötet, der größte Verlust für das Terrornetzwerk seit dem Tod Osama bin Ladens 2011. Nach Statistiken des Long War Journal blieb die Zahl der unbemannten Luftschläge im Süden der Arabischen Halbinsel in den vergangenen vier Jahren trotz des Bürgerkriegs mit 22 bis 24 konstant hoch. In Pakistan lag sie noch 2013 und 2014 etwa gleichauf, in den letzten beiden Jahren sanken die Angriffe auf elf beziehungsweise drei.

"Eine direkte Bedrohung für das amerikanische Volk"

Und so gibt es für Washington keinen Grund zur Entwarnung. Al-Kaida sei stärker dezentralisiert als zu Zeiten des 11. September 2001, aber nicht minder virulent, heißt es im Weißen Haus. Die Gefahr gehe nicht mehr primär von der Führungsspitze aus, sondern von lokalen Filialen, Verbündeten und ideologisch Gleichgesinnten, sagte Barack Obama. In seiner Rede zur Lage der Nation Anfang des Jahres bezeichnete der US-Präsident Al-Kaida ausdrücklich als "eine direkte Bedrohung für das amerikanische Volk".

Denn auch im Kampf gegen die Geldflüsse des Terrornetzwerks gibt es keine nachhaltigen Erfolge. Al-Kaida hat es verstanden, seine Beziehungen zu reichen Finanziers am Golf über viele Jahre zu pflegen und das Kidnapping zu einem lukrativen Geschäft auszubauen. Obendrein verwischen sich bei den Rebellen in Syrien mittlerweile alle Grenzen, weil Golfstaaten wie Saudi-Arabien, Katar und Kuwait die Al-Nusra-Front als den effektivsten Assad-Gegner mehr oder weniger offen unterstützen.

"Die Instabilität im Mittleren Osten und in Nordafrika wird noch Jahrzehnte dauern, wahrscheinlich die nächsten ein bis zwei Generationen", bilanzierte dieser Tage der Extremismusexperte Charles Lister am Middle East Institute in Washington. Al-Kaida sei das langlebigste Dschihadisten-Projekt, das derzeit existiere. Darum werde die Al-Kaida-Idee "noch über viele Jahre eine enorme Bedrohung bleiben für die lokale, die regionale und auch die internationale Sicherheit".